15. Juli 2026
Ausgabe #123 Alles, was ihr nie über Musik wissen wolltet von Melanie Gollin und Rosalie Ernst. Das hier ist euer Musikmagazin fürs Mailfach, alle 14 Tage zwischen zwei und vier Themen. mehr erfahren
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Heute: Norwegen ist raus, aber wir müssen eben noch über den WM-Song von girl in red sprechen. Kann Deutschland jemals einen Nationalstolz wie Norwegen haben? Und: KI-generierte Musik ist kacke und es macht nicht mal Spaß, sie zu erstellen. Ein Selbstexperiment.
An dieser Stelle begrüßen wir unsere neuen Unterstützer*innen Judith und Daniel. Da können wir uns wieder ein paar Espressi leisten. Komm auch du in unsere Community! Mach unsere Arbeit langfristig möglich, sichere Medienvielfalt und hilf uns dabei, der Musikbranche ans Bein zu pinkeln! Aktuell sind wir 126 Leute bei Steady. Unser Ziel für 2026 sind 222 Mitglieder.
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ZWISCHEN ZWEI UND VIER gibt's übrigens auch als Podcast.
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In der aktuellen Folge: Wir sezieren die Ouvertüre der Filmmusik der Wilde-Hühner-Filmreihe! Zusätzlich sprechen wir mit Komponistin Pia Teller über die Melodien, die sie sich für eine neue potenzielle Serie rund um die Mädchenbande ausgedacht hat. Und: Fußball ist unser Leben – naja, nein. Aber wir nehmen jeden Anlass, den wir kriegen können, um mal wieder über Frank Schöbel zu reden. Hört ihr hier ein Plagiat?
Überall, wo ihr Podcasts hört.
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Wie fändet ihr's, wenn Philine Sonny einen WM-Song rausbringen würde? Und wenn dieser WM-Song "SCHWARZ ROT GOLD" hieße? Die Norwegerin girl in red hat einen WM-Song veröffentlicht, der "RØDT HVITT BLÅTT" (Rot Weiß Blau) heißt. Ich habe Gefühle. – Melanie
Als ausgewiesene Expertin für die norwegische Musikszene (stellt euch vor, wie ich an dieser Stelle meine Brille bedeutsam zurechtrücke), weiß ich auch das ein oder andere über die norwegische Mentalität. Eine Sache, mit der man in diesem Land schnell in Berührung kommt, ist der norwegische Nationalstolz. Als gute Deutsche kommt mir allein bei dem Wort ein bisschen Kotze hoch. Aber in Norwegen fühlt sich die Sache irgendwie… nett an? Alle tragen am 17. Mai, dem norwegischen Nationalfeiertag, ihre süßen Trachten. Niemand findet das cringe; diese Verkrampfung, die wir (zu recht) haben, fehlt. Und es ist – oh Gott, schreib ich das jetzt, schreib ich das jetzt nicht? – ein bisschen beneidenswert.
Eine der coolsten Musiker*innen des Nordens, girl in red (gay icon und alternative Superstar), kann dort einen Song veröffentlichen, dessen Text so geht:
Weil es etwas gibt, das uns zu uns macht Wenn wir dieses Land unser nennen Und für die anderen ist es schwer zu verstehen Ob es das Wasser ist, das wir trinken, oder die Kälte, es ist sicher, dass
Unser Blut rot, weiß, blau ist Von ganz unten im Dorf bis in die Stadt Unser Blut rot, weiß, blau ist Wir sehen es ist +47 und Unser Blut rot, weiß, blau ist
Chraaaargh. Meine Nackenhaare stellen sich auf. Aber ist es nicht cute und geradezu wichtig, dass eine queere Künstler*in einen Song für die Männerfußballnationalmannschaft schreibt?
Ich frage meinen Freund Espen, Norweger, der auch eine Zeitlang in Deutschland gelebt hat, wie er den Song findet. Er hat keine Meinung, was schon viel aussagt. Stattdessen zeigt er mir andere norwegische WM-Lieder, die ich direkt an euch weitergebe. Schließlich haben wir uns alle kollektiv drauf geeinigt, dass die norwegische Nationalmannschaft die sympathischste in dieser WM war.
Drillos – "Alt for Norge" (Alles für Norwegen) Der Klassiker. Klingt wie "Heal The World". War 1994 der offizielle norwegische WM-Song.
NRKs VM-låt – "Sammen for Norge" (Zusammen für Norwegen) NRK ist die ARD Norwegens. Dieser Song IST "Heal The World". Hier wurden prominente Stimmen (Maria Mena, Marcus & Martinus, No. 4…) und viel Pathos zusammengekarrt.
Als einer der essentiellsten Chants hat sich das "Gut genug"-Meme entwickelt. Grund: "Du bist gut genug" klingt für norwegische Ohren, die nur an Fußball denken, wie "Norge skårte mål". CTID – "Haaland (Ha Ha Ha)" Sogar Patti Smith bedankt sich bei Erling Haaland für die Freude, die er in den letzten Wochen verbreitet hat. Diese Interpolation von "Moskau" von Dschingis Khan war rund um die Norwegen-Spiele der meistgenutzte Sound auf den sozialen Medien. Mein Kopf sang verlässlich: "Haaland, Haaland, wirf die Gläser an die Wand".
Zum Thema Nationalstolz sagt Espen mir folgendes: Deutschland: Sehr komisches Verhalten, wo die Leute sich entweder für die Fahne schämen oder sie als Perücke tragen. Also, da muss es irgendwo einen Mittelweg geben, wo man von beiden Seiten Respekt für die Flagge zeigt. Norwegen: Die sind sehr konservativ, was die Fahne angeht. Sie wird nur zu "offiziellen" Zeiten gehisst und auch nur an Feiertagen und Geburtstagen, aber wenn sie rauskommt, z.B. bei der WM oder der Olympiade, sind alle sehr stolz. Das gilt für beide Seiten: Ich finde es schade, dass die Rechten die Fahne oft für sich beanspruchen und als ihr Symbol verwenden. Es ist unfair gegenüber der Fahne, wenn sie als politisches Mittel benutzt wird. Ich möchte links sein und gleichzeitig stolz auf beide Fahnen sein können.
Als ich mit meinem Freund auf der Couch sitze, sagt auch er, er hätte gern sowas wie die norwegische Einstellung zum eigenen Land statt unserer kartoffeligen Zerrissenheit. Wir überlegen, was das deutsche RO – das Rudern – hätte sein können, aber uns fallen nur Gesten mit Heil ein. Offensichtlich haben Deutschland und Norwegen verschiedene politische Vergangenheiten. Ich kann mir schwer vorstellen, dass Philine Sonny je einen WM-Song namens "SCHWARZ ROT GOLD" herausbringt. Und bis auf Weiteres finde ich das auch besser so.
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PPS: Irgendwie in diesem Sinne, auch in Berlin: #nolympia
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Hier gibt's Tickets. Übrigens: Mindestens 5 € pro Ticket werden gespendet, dieses Jahr an den Bumerang e. v. in Beeskow (Brandenburg), der sich mit Kultur- und Bildungsangeboten für Teilhabe und Gemeinschaft einsetzt.
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Dass generative KI die wahrscheinlich größte Bedrohung für menschliche Künstler*innen ist, müssen wir euch nicht erzählen. KI-generierte Musik nimmt echten Menschen den Platz im Radio, in Playlisten, in der Aufmerksamkeit der Hörer*innen weg und frisst damit nicht nur Tantiemen, sondern auch den kreativen menschlichen Prozess auf. Den kann man mit generativen KI-Songschreibeprogrammen nämlich nicht mal dann haben, wenn man es ernsthaft will. Unser Gastautor und Musiker Timo Richard hat sich auf der Suche nach einem wertvollen Ergebnis mit Suno gestritten. Was dabei rausgekommen ist? – Gastbeitrag von Timo Richard
Obacht: Wir unterscheiden zwischen KI zur Erleichterung oder Optimierung von Prozessen (nützlich) und KI, die komplette Songs auf Basis von geklautem geistigen Eigentum anderer Musiker*innen auf Knopfdruck erstellt (Bullshit). Dieser Text beschäftigt sich ausschließlich mit Letzterem.
Sunographie – ein Selbstversuch Mit generativer künstlicher Intelligenz geht es mir mittlerweile wie mit den Strokes kurz nach THIS IS IT. Ich mag das Thema, aber ich mag nicht, wie darüber gesprochen wird. Als Musikinteressierter irritiert mich sehr, dass Vokabeln wie Effizienz, Verbesserung oder Geschäftsmodell die Diskussion beherrschen, aber seltenst die Frage, ob überhaupt jemand wollte, dass die schönen Dinge des Lebens wie Malen, Musizieren oder Schreiben von der künstlichen Intelligenz übernommen werden. Wahrscheinlich lernt das LLM (Large Language Model) als nächstes, wie man an einem Sommertag im Park Bier trinkt, während ich irgendwo Asbest entfernen und das in Excel dokumentieren muss. Aber Google-CEO Sundar Pichal findet: "The future of AI is […] about augmenting human capabilities." Der muss es ja wissen und darum dreht sich die KI-Diskussion ja auch: die unendlichen Möglichkeiten, die komplette kreative Freiheit, die die Technologie uns geben könnte. Endlich kann ich Videos von Macarena-tanzenden Dackeln generieren. Aber mal ernsthaft: Es wäre ja toll, wenn ich meine durchschnittlichen musikalischen Fähigkeiten endlich etwas Richtung elf drehen könnte. Ich beschließe, mich dank generativer KI zu verbessern und will das mit Suno – einer App zum Generieren von Songs – erreichen. "Let's make a song", begrüßt mich Suno, die freundliche Musik-KI von nebenan. Ich mache gerne Lieder. Ok, wir machen ein Lied. Mein erster Gedanke: Wenn generative KI wirklich der technologische Quantensprung ist, als der sie verkauft wird, dann müsste hier doch mehr möglich sein als die algorithmische Wiederaufbereitung der letzten 70 Jahre Popgeschichte. Das Ding wurde schließlich mit dem gesamten digitalisierten Musikgedächtnis der Menschheit gefüttert. Ungefragt übrigens – die Macher von Suno behaupten zwar, dass alles legal vor sich geht, haben mittlerweile aber mehrere Verfahren verloren, in denen nachgewiesen wurde, dass sie Lieder einfach zu Lernzwecken genutzt haben, ohne zu fragen oder Lizenzkosten zu bezahlen. Ein gängiges Vorgehen unter Tech-Bros, Google lässt grüßen. Aber das Angebot ist natürlich voll super: Der freie Account räumt mir am Tag 50 Credits ein, mit denen ich 10 Lieder generieren kann. Für ungefähr 10 Euro im Monat bekomme ich sogar die Rechte an der kommerziellen Nutzung und kann quasi endlos Musik generieren. Kaufland freut sich und beschließt, die Lizenzkosten für das Gedudel im Supermarkt auf 120 Euro im Jahr zu reduzieren.
Mein erster, meiner Meinung nach naheliegender, Prompt: "Erfinde ein musikalisches Genre, das es noch nicht gibt". Eine Fehlermeldung weist mich nach einigem "Nachdenken" darauf hin, dass ich spezifischer sein soll, weil man so ja nichts generieren kann. Als ich mich in Englisch wiederhole, generiert Suno einen Prompt für sich selbst: "Cinderstep alt-pop with a swung half-time pulse, clipped hand percussion, dusty bass pulses, and a warped mbira-like synth; verse rides sparse with close-mic vocal and finger snaps, pre-chorus opens with rising harmonies and filtered claps, chorus hits with stacked gang doubles and a bent lead motif, use reverse swells, metallic ticks, and short delay throws on the hook, bright, gritty, and intimate, musical". Das klingt bombastisch, doch nichts davon ist im fertigen Stück zu hören. Suno spuckt einen gelackten Alt-Pop-Song aus (Tin Roof Mercy by HugeTurntablists0768 | Suno). Zumindest nach meinem Gehör werden große Teile des selbst geschriebenen Prompts ignoriert. Als ich den Vorgang etwas irritiert wiederhole, gibt es generischen Afrobeat (Chrome Griot byHugeTurntablists0768 | Suno basierend auf dem selbst generierten Prompt: "Invented genre: bassy electro-afrobeat with swung 6/8 percussion, rubbery synth stabs, kalimba loops, and handclap syncopation; verse rides sparse drums and callouts, pre-chorus strips to voice and ticking bells, chorus hits with stacked chants and a wide sub pulse, lead vocal stays close-mic with crisp doubles, reply shouts, and short delay throws on the hook, ear candy: reverse kora swells, breathy risers, and a one-beat tape stop before each drop, bright, punchy, and festival-ready, musical". Zumindest dieses Suno-Modell scheint mich nicht in die Zukunft befördern zu können. Stattdessen beschleicht mich der Verdacht, dass der "Dialog" zwischen Suno und mir ähnlich werden könnte, wie eine Wertediskussion zwischen Blixa Bargeld und Dieter Bohlen.
Ich so: "Ich bin gelangweilt, lass uns etwas komplett Neues machen." Suno so: "Nee, lass mal, die Leute finden sowas geil." Ich: "Aber das ist kein neues Genre. Ich hatte nach einem neuen Genre gefragt." Suno: "Hör mal Kleiner, wenn sich das verkaufen würde, gäb es das schon."
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Ich bin etwas beunruhigt. Ist das, was Suno mir da ungefragt hingeneriert hat, der kleinste gemeinsame Nenner von Musik? In den Trainingssets sind auch Songs von "anspruchsvollen" Künstler*innen enthalten und trotzdem beharrt die KI auf ihren Ergebnissen. Ich vermute, dass die Macher zumindest einige Regler in Richtung "kommerziell auswertbar" verschoben haben und sofort reden wir doch wieder über Geschäftsmodell, Effizienz und den ganzen Käse. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass man, nachdem man sich einmal durch die Musikgeschichte der Menschheit gefräst hat, am Ende am liebsten Imagine Dragons hört. Eine Zwischenüberlegung: Anscheinend ist ein KI-Modell aufgrund seiner Lernbasis nicht darauf ausgelegt, das Wissen als Beispiel für Bestehendes zu nehmen und von dort aus weiter zu "denken", sondern funktioniert als postmoderne Echokammer voller statistisch wahrscheinlicher Kulturartefakte. Insofern gar nicht so unähnlich zu meinem popkulturell geplagten Gehirn. Suno und ich könnten uns verstehen. Wenn ich die revolutionäre Technologie schon nicht dazu verwenden kann, Musik als Ganzes neu zu erfinden, versuche ich als nächstes wenigstens meine Kreativität in ungeahnte Sphären zu katapultieren. Ich versuche mit Suno so zu reden wie mit meiner Band, wenn wir im Proberaum sind: "Die Strophe müsste eher mit so Stakkatogitarren sein und der Gesang eher monoton, dann abgestoppte Achtel in der Bridge und dann im Refrain einfach Stadion mit Gesangsharmonien und immer voll aufs Crash". Ich weiß, das ist nicht schlau und auch nicht besonders konkret, aber so reden wir nun mal. Und das Verrückte ist: Wir verstehen uns meistens. Ich weiß nicht, wie es in anderen Proberäumen zugeht, aber es ist äußerst schwer, Mitmusiker zu prompten. Ich erinnere mich gerne daran, wie ich mal mit einem ausgebildeten Jazz-Schlagzeuger Lieder geschrieben habe. Das war cool, weil man dem einfach sagen konnte, wie es klingen sollte und er konnte es sofort umsetzen. Vielleicht kann meine Zusammenarbeit mit der KI ja ähnlich laufen? Ich bringe die Ideen, "du" die Fähigkeiten? Hmpf, Suno versteht den Proberaumsprech-Prompt so: Immer Voll by HugeTurntablists0768 | Suno. Die KI hat sich aus dem, was sie aus meinem Text verstanden hat, einen Prompt selbst generiert und die Lyrics gleich mit. Nachgefragt, ob es das ist, was ich meine, hat sie nicht. Ich hatte nichts von "Indie"-Wolfgang-Petry geschrieben. Ich muss anders kommunizieren. Ich frage Melanie, was für ein Lied sie gerne hören würde. Sie wünscht sich eine Mischung aus Stereo Total und Jeans Team. Ich finde, das ist eine schöne und nerdige Aufgabe für eine künstliche Intelligenz, der nicht nur alles Wissen der Welt über Breitwand-Pop zur Verfügung steht, sondern auch alles Spezialwissen über coole Musik. Ich versuche es diesmal als Musikjournalist: "melodischer, tanzbarer Indie Pop mit warmen, analogen Synthies, Jangle-Gitarren, treibenden Elektro-Drums, quietschig verspielten Melodien und Harmoniegesängen im Chorus, die Sängerin singt auf Deutsch mit französischem Akzent über die Liebe in Zeiten des Handykonsums und dass ihre Aufmerksamkeitsspanne leider nicht mehr für länger als einen Quickie im Park ausreicht, 110 bpm, analoge Bandmaschinenproduktion mit leichtem Knacksen, rund und warm". Aber Suno und ich, wir verstehen uns nicht. Anscheinend löst die Erwähnung einer "Sängerin" bei Suno nicht unbedingt das Bedürfnis aus, auch Gesang zu generieren: Quickie-Parklicht byHugeTurntablists0768 | Suno. Was ist passiert? Ich hätte erwartet, dass die Technik mich besser versteht, wenn ich technischer über Musik und Produktion schreibe. Aber sie hat noch nicht mal verstanden, dass es Gesang geben sollte. Ich muss anders kommunizieren.
Ich muss ANDERS kommunizieren.
Da von Schlager nicht die Rede war, vermute ich, dass "Pop" das Schlüsselwort war, das uns falsch abbiegen lassen hat. Ich versuche genauer zu sein: "melodischer, tanzbarer Indie, sehr off und avantgarde mit Berliner Untergrundvibe, mit warmen, analogen Synthies, Jangle-Gitarren, treibenden Elektro-Drums, quietschig verspielten Melodien und Harmoniegesängen im Chorus, Female lead vocals, singt in deutsch mit französischem Akzent, 120 bpm, analoge Bandmaschinenproduktion mit leichtem Knacksen, rund und warm, klingt aber nach Garage". Suno antwortet: Quickie im Park by HugeTurntablists0768 | Suno Auch wenn ich es ganz amüsant fände, wenn Andrea Berg "Quickie im Park" singen würde – irgendwie ist das nicht das, wonach ich gefragt hatte. Ich MUSS ANDERS kommunizieren.
Ich versuche es 1. auf Englisch und 2. mit der Snob-Keule: "Quirky danceable indie pop, playful electroclash, lo-fi drum machine, vintage Casio keyboard, catchy female vocals singing german with a heavy french accent, humorous feel, minimalist arrangement, retro 60s yé-yé influences mixed with DIY electronic punk attitude, simple repetitive hook, dancing bassline, handclaps, cheap synthesizers, slightly amateur but charismatic performance, cool, cheeky, romantic, absurd, nostalgic and fun, underground Berlin meets Paris vibe, upbeat tempo around 130 BPM, raw yet warm and nostalgic analog sound, intimate vocals, witty lyrics, indie disco feeling, slightly garage" Und dann das: Dreißig Sekunden by HugeTurntablists0768 | Suno Aus irgendeinem Grund hat sich Suno an der "Quickie"-Metapher festgebissen, funktioniert also wahrscheinlich wie das Gehirn eines männlichen Musiknerds. Ansonsten scheint von meinem Monsterprompt nicht viel angekommen zu sein. Muss ich anders kommunizieren?
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Nachdem ich der Maschine auch einen Lyrics-Prompt mitgegeben habe ("Write lyrics about the impossibility to love someone wholeheartedly since the main character only has an attention span of 30 seconds due to extensive use of mobile phones") verheize ich meine Credits für den Tag und stelle fest, dass ich jetzt wohl englische Lyrics angefordert habe, die von einer Art Alternativ-Boney M. "gesungen" werden. Ich bin froh, dass ich keine Credits mehr habe, denn ich würde hemmungslos weiter irgendwelchen Quatsch generieren, nur um zu sehen, ob Suno irgendwann mal meine "Anweisungen" befolgt oder auf meine Ideen reagiert. Damit würde ich meinen CO2-Fußabdruck aber auch auf Schuhgröße 77 vergrößern. Überflüssige Prompts sind die neuen Inlandsflüge.
Wollte ich das? Musik machen ist für mich eigentlich eine soziale Erfahrung, der Austausch per Kreativität und Ideen. Ich komme mir weder kreativ vor, noch bin ich in gutem Austausch mit meinem "Gegenüber". Ich fühle mich an ein Band-Coaching erinnert, das ich mit meiner ersten Band hatte. Wir waren musikalisch eine Mischung aus Pearl Jam und – aufgrund mangelnder Fähigkeiten – Müllabfuhr, der Bandcoach wollte uns (eine Schülerband) aber partout auf kommerzielle Verwertbarkeit trimmen. Am Ende des Coachings hatten wir aus unerfindlichen Gründen Reggae-Parts in unsere Lieder eingebaut. Ganz ähnlich wie der Bandcoach scheint Suno auch für mich besser zu wissen, was gute Lieder ausmacht – nämlich relativ schlageresque Breitwandrefrains, Stadion-Handclaps, "Wohoho"-Mitsingparts, Melodien ohne einen schrägen Akkord oder Ton und Songstrukturen vom Reißbrett. Die gibt es eigentlich immer, egal ob ich danach frage oder nicht. Ich warte darauf, dass mir Reggae-Parts angeboten werden. Ich muss mit jemand anderem kommunizieren.
Ich beschließe, am nächsten Tag mit frischen Credits einen anderen Weg zu wählen. Ich stelle mir eine KI-Bandkollegin vor: "You are a french-canadian twenty something girl nerd with a heavy french accent that moved to Berlin in the last five months. You are stunned by the anarchic and wild creative scene. You love quirky keyboard sounds and found a creative partner in a local electro nerd. You are very excited about this cooperation and want the music to transport this energy and overall good vibes." Was ich nicht wusste ist, dass Helene Fischer frankokanadische Wurzeln hat: Zu Kurz Geliebt by HugeTurntablists0768 | Suno Nach ein paar weiteren Versuchen verwerfe ich auch diese Idee. Ich bin innerlich mittlerweile ziemlich verflacht. Irgendwie ist das das Gegenteil der emotionalen Reise, wenn ich sonst kreativ bin. Auf Konzerten werde ich von dieser seltsamen aufgeregten Euphorie über die Bühne getragen oder im Proberaum von diesem Moment, in dem das Lied endlich genau so klingt, wie man es sich vorstellt und sich alle diesen verstehenden Blick zuwerfen (kann man toll in der Szene in Sing Street sehen, in der die Band das erste Mal probt). Mit was kommuniziere ich hier eigentlich?
Langsam habe ich das Gefühl, dass es weder um Musik noch um Kreativität geht. So wenig kreative Kontrolle über das Ergebnis hätte ich nicht erwartet. Ich drehe weiter am Glücksrad, werde vorher aber zur Abwechslung wieder selbst kreativ und schreibe zumindest einen Text, lautmalerisch in französischem Akzent, damit Suno sich auf den Style-Prompt „konzentrieren“ kann. Ich versuche die KI zu "entlasten" und tatsächlich komme ich diesmal zu einem besseren Ergebnis: Arbeitsversion by HugeTurntablists0768 | Suno
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"Ja scheiße, hab ich jetzt halt einen Ohrwurm von", schreibt Melanie. Und tatsächlich ist das Lied, das Suno da ausgespuckt hat, zumindest schmerzfrei hörbar, aber hat wieder diesen überproduzierten Refrain. Allerdings sind auch wieder große Teile meines Prompts einfach ignoriert worden. Diese "Zusammenarbeit" mit Suno ist etwas seltsam. Ich selbst mache hier eigentlich keine Musik, ich bin eher Produzent eines sehr eigensinnigen und unflexiblen Artists mit einem unangenehmen Erfolgsfokus, der krampfhaft versucht, einen Radiohit zu produzieren. Uns fällt zwar zu allem etwas ein, aber irgendwie immer dasselbe. Mit dem Hinzufügen des Textes und dem sehr konkreten Prompt bleiben wir zumindest im Genre.
In der Hoffnung auf mehr kreative Kontrolle bezahle ich für einen Pro-Account (dabei wird bei der Anzeige des monatlichen Preises übrigens die Mehrwertsteuer unterschlagen). Jetzt kann ich einzelne Teile eines generierten Liedes "bearbeiten", was bedeutet, dass sie neu generiert werden. Ich kann Schieberegler für mehr "Weirdness" oder Genretreue bedienen. Ich könnte auch meine Stimme aufnehmen, damit die dann das Preset für die Gesangsstimmen wird. Und damit ich mir endlich dabei zuhören kann, wie ich "Quickie im Park" nicht selbst singe. Wie ich nach einigen Versuchen feststelle, helfen mehr Tools nicht, mein Problem zu lösen. Das Ergebnis: Um ein Lied zu generieren, das meiner Vorstellung näherkommt, holze ich, durch ständiges Klicken, wahrscheinlich mehrere Hektar Regenwald ab, ohne zufriedener zu werden. In einem Moment kritischer Selbstreflexion stelle ich fest, dass meine Vorstellung das Problem ist – Suno spuckt zuverlässig Songs aus, die man wahrscheinlich einfach als Klangteppich laufen lassen könnte, wenn man sich nicht besonders für Musik interessiert. Schön beim Pasta kochen mit Freund*innen funktioniert das wahrscheinlich. Aber ich dummer Mensch will ja partout etwas Konkretes. Suno anscheinend auch, denn je länger unsere "Zusammenarbeit" dauert, desto weniger werden meine Anmerkungen oder Änderungswünsche noch berücksichtigt. Eine Variation der Gesangsstimme? Pustekuchen. Weniger Süße? Vergiss es. Ein flacherer Refrain? Sorry Dave, I can't do that.
Es steckt erstaunlich viel geistlose Arbeit in generierter KI-Musik – irgendwie das Gegenteil von dem, was an Musikmachen Spaß macht. Mir wird immer unbehaglicher mit dem, was das Modell anscheinend aus der Lernbasis "mitgenommen" hat. Es kann doch nicht sein, dass man aus dem gesamten Schaffen von Mozart, Nick Cave und Blondie nur lernen kann, keine emotionalen oder künstlerischen Risiken einzugehen. Für mich fasst sich das so zusammen: Generisch = Erfolgreich = Gute Musik = Mehr davon = Generisch = Erfolgreich bis in alle Ewigkeit. Und so reagiert Suno dann auf jeden Prompt mit den ewig gleichen "Reflexen": Musik soll nach dem gleichen Muster funktionieren – die Songs laufen am besten, wenn sie in eine klare Strophe-Pre-Chorus-Chorus-Struktur aufgeteilt sind. Gegen die Breitwandrefrains kann man anscheinend nichts tun. Kommerzielle Verwertbarkeit ist höher gewichtet als Experimentierfreudigkeit. Spotify wird's freuen, wenn weniger Lizenzkosten anfallen. Aber ich freue mich leider wenig.
Mit KI Musik zu machen fühlt sich an, als würde man langsam ausgesaugt. Als müsste man bis EOB noch die PPT und die Excel produzieren. Als würde man einem unnachgiebigen Chef versuchen zu erklären, dass man gerade einen Bullshitjob macht. Ich versuche, mich ständig neu zu erklären und bekomme immer dieselbe Antwort. Mir kommt dieser Satz in den Kopf, den angeblich Einstein gesagt haben soll: "Die Definition von Wahnsinn ist, immer das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten." Nach dieser Definition treiben Suno und ich uns in den Wahnsinn, nur dass der sich wahnsinnig bürokratisch anfühlt. Ich glaube, das Lied, das entstanden ist, ist ein Zufallstreffer. Ich glaube, dass kreative Momente mir normalerweise helfen, den kapitalistischen Alltag auszuhalten, weil sie ihm emotionale Ventile geben. Ich nehme die Gitarre und schreibe ein Lied über die digitale Apokalypse. Die wird wahrscheinlich nicht mit einem Knall passieren. Sie wird uns alle zu Tode langweilen.
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COMMUNITY AUFGABE
An alle Musiker*innen oder die, die es werden wollen: Suno hat versagt. Könnt ihr Timos Prompt in einen Song verwandeln? Vielleicht habt ihr Lust euch daran zu versuchen – also richtig selbst, nicht mit einem generativen KI-Programm.
"Komponiert ein überdrehtes, tanzbares Lied. Die Hauptelemente orientieren sich an Indie Pop und verspieltem Electroclash. Lo-fi drum machine, Casio Keyboard, stumpfer Bass, minimalistisches Arrangement durch das ganze Lied, gerne mit so einem jugendkulturell euphorischen YéYé-Vibe, aber mit DIY-Punk-Attitüde. Eine etwas alberne reduzierte Strophe, dann baut sich das Lied zum Refrain hin auf, der Refrain selbst ist eingängig und sich wiederholend, mit etwas schrägen Gesangsharmonien und Handclaps. Alles in Dur, es darf aber eine sentimentale, leichte Melancholie über allem liegen. Nicht zu glatt oder überproduziert. der Charme besteht aus dem amateurhaften Ansatz.
Lyrics: Geschrieben aus der Ich-Perspektive, persönlich aber selbstironisch. Es geht um die Angst, nie eine tiefe Beziehung mit dem Gegenüber eingehen zu können, weil du wegen deinem eigenen exzessiven Internetkonsum leider nur noch eine Aufmerksamkeitsspanne von dreißig Sekunden hast."
Falls jemand von euch sich daran versuchen möchte, packen wir das Lied in einer unserer nächsten Podcastfolgen. Als Dank hauen wir eine Jahresmitgliedschaft für unsere Steady-Community raus.
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Das war's für heute. Rosie war am Wochenende Paddeln und wurde nach Piratenliedern gefragt. Ihr fiel keins ein außer der One Piece-Titelsong. Melanies Bruder hatte mal eine CD nur mit One Piece-Songs und sie stimmte sofort enthusiastisch "AUF DEM WEG! NACH VERTANIA CITY" an – ach nee, das war Pokémon. Wenn ihr bis hier gelesen habt: Aktuell kann man coole Medienprojekte für den Grimme Online Award vorschlagen. Vielleicht fällt euch ja ein innovatives Musikmagazin ein, das ihr da einreichen wollt.
Nächsten Mittwoch hören wir uns im Podcast. Die nächste Mail-Ausgabe ZWISCHEN ZWEI UND VIER kommt am 29. Juli. Hast du dich gut unterhalten gefühlt, was gelernt oder neue Musik entdeckt? Schmeiß was in unsere Paypal-Kaffeekasse oder:
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