29. Juli 2026
Ausgabe #124 Alles, was ihr nie über Musik wissen wolltet von Melanie Gollin und Rosalie Ernst. Das hier ist euer Musikmagazin fürs Mailfach, alle 14 Tage zwischen zwei und vier Themen. mehr erfahren
|
|
|
|
Heute: Was passiert, wenn 18.000 Emo-Fans eine Stadt stürmen? Der Tag nach dem My Chemical Romance-Konzert im Florenz war auf jeden Fall etwas besonderes. Und: Ihr habt alle von den geplanten Kürzungen der Musikförderung gelesen. Hier lest ihr, warum das ökonomisch keinen Sinn macht und ob wir jetzt streiken.
An dieser Stelle begrüßen wir unsere neuen Unterstützer*innen Tim, Lara, Martin, Robert und Cornelius. Ihr seid unser Tageslicht. Komm auch du in unsere Community! Mach unsere Arbeit langfristig möglich, sichere Medienvielfalt und hilf uns dabei, der Musikbranche ans Bein zu pinkeln! Aktuell sind wir 127 Leute bei Steady. Unser Ziel für 2026 sind 222 Mitglieder.
Am 1. September ist auch unser nächster Community Call, da hängen wir mit unseren ULTRAs im Internet rum und nerden über Musik ab. Seid dabei:
|
ZWISCHEN ZWEI UND VIER gibt's übrigens auch als Podcast.
|
In der aktuellen Folge: Warum haben die Deutschen so eine Faszination für falsche italienische Musik? Also Musik, die einfach irgendwelche italienischen Wörter einstreut oder deutsche Bands, die so tun, als wären sie Italiener? Wir schauen uns die Geschichte dieses Phänomens an, von der Entstehung der Oper bis heute. Danach philosophieren wir mit der italienischen Konzertveranstalterin Anita Richelli über die Probleme, die diese Romantisierung des Landes mit sich bringt.
Überall, wo ihr Podcasts hört.
|
Am 15. Juli habe ich meinen inneren Emo-Teen geheilt und war bei My Chemical Romance in Florenz. Und mit mir tausende weitere Menschen. Anlässlich des 20. Jubiläums haben My Chem die Songs des Albums THE BLACK PARADE auf dem riesigen Platz einer Pferderennbahn gespielt, auf den 18.000 Menschen passen (es war nicht ausverkauft, aber trotzdem sehr, sehr voll). Auf so einem großen Konzert war ich noch nie. Davon werde ich euch in aller Ausführlichkeit im Podcast berichten, doch vielleicht genauso spannend war der Tag danach in der heißen Stadt. – Rosalie
Ein zartes Summen reißt mich aus meinen Gedanken, während ich träumend in meinem Cappuccino rühre. Am Tisch neben mir höre ich ganz unverkennbar die Hook von "Famous Last Words", dem lebensbejahenden Finale von THE BLACK PARADE. Ehe ich mich versehe, stimme ich mit ein, wir nicken uns kurz zu, wenden dann aber schnell den Blick voneinander ab und schmunzeln mit glühenden Wangen in unsere Kaffeetassen.
Am Palazzo Vecchio schieben sich die Menschen von Statue zu Statue des Open-Air-Museums. Zwischen flatternden Sommerkleidern dominieren die schwarz-roten Outfits. Man kommt aus dem Anlächeln gar nicht heraus. Eine Person trägt ein Bandshirt von 2007 und immer wieder zeigen Menschen mit glänzenden Augen auf das ausgeblichene Ding.
In den weitläufigen Gärten Boboli laufen mir nicht allzu viele Menschen über den Weg. Im Schatten höre ich ein Paar auf Englisch debattieren: "Ja 'I'm Not Okay' ist ein fantastischer finaler Song, aber'Helena' hätte so viel mehr Sinn ergeben". Nur wenige Minuten vorher haben mein Partner und ich fast die gleiche Unterhaltung geführt, denn "Helena" endet mit den Worten: "So long and good night".
Bei einem letzten Abendspaziergang zähle ich die Bandshirts, aber verliere mich nach 18 Stück auf den ersten vier Straßen schon in Gedanken und verhasple mich. Ich war noch nie auf einem Konzert dieser Größenordnung und erst recht war ich noch nie auf einem Konzert dieser Größenordnung in einer relativ kleinen Stadt (etwa 362.000 Einwohner*innen) mit klarem Stadtkern. Und so war der Tag nach dieser Show geprägt von stillen und trotzdem herzlichen Begegnungen zwischen Fans. Florenz ist eine richtige Touristenhochburg im Sommer. Wo mich Geschiebe und Mengen üblicherweise stören, habe ich mich in dem fremden Getümmel als Teil von etwas Größerem gefühlt. Wo sonst tausende unterschiedliche Leben aufeinanderprallen, habe ich mit schätzungsweise jeder dritten Person, die dieser Tage durch die Gassen wandelte, etwas geteilt. Nicht nur ein Konzert, sondern auch eine ganze Jugenderfahrung. Anonymität und Fremde: Fehlanzeige. Und in unserem introvertierten Schmunzeln, Nicken und Zwinkern lag ein universelles, internationales Gemeinschaftsgefühl zwischen einst missverstandenen Teenager, die sich an diesen Tag ein bisschen weniger missverstanden fühlten.
|
|
|
Die Fördergelder für Musik sollen 2027 massiv gekürzt werden. Diese Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer, die Empörung war groß. Die Verbände und Musikschaffenden warnen, dass das verheerende Folgen für die deutsche Popmusikszene hätte. Meine steile These: Die soll es haben. Was können Musikindustrie und Fans jetzt tun? – Melanie
Was ist passiert?
Initiative Musik: 15 statt 19,3 Million Reeperbahn Festival: 3 statt 6,3 Millionen Festival-Förder-Fonds: 2 statt 4 Millionen Amateurmusikfonds: 3 statt 4,2 Millionen "Einzelprojekte Musik": 5,4 statt 6,4 Millionen
(*Das Pop in Popmusikförderung steht für alles, was populäre Musik ist; Pop, Rock, Jazz, HipHop, Metal…)
Die Branche hat sich die Finger wundgepostet und Statements der Fassungslosigkeit und Empörung in die Welt gesetzt. Rockcity Hamburg poltert in ihrem Newsletter direkt gegen Wolfram Weimer: "Mit dem Kürzen der Förderung erreichen sie die Eingrenzung der demokratischen Wirksamkeit von Popularmusikförderung und damit die Entkopplung der bundespolitischen Programme und Instrumente von Werten und Zielen einer Musik, die für die meisten von uns ein Lebensmittel ist." Richtig und wichtig.
Musikförderung hat in Deutschland zwei Aufgaben: Einerseits Musiker*innen das Musizieren zu ermöglichen, zum Beispiel, indem Kosten für Albumproduktion, Touren, Proberäume, Projekte, Marketing übernommen werden. Zum anderen soll sie Musik für die Gesellschaft zugänglich machen. Das passiert über Förderungen für Venues oder Festivals, mit denen Infrastruktur oder Personalkosten gedeckt werden können. Diese Kosten müssen dann nicht von den Veranstalter*innen selbst getragen und demzufolge auch nicht auf die Eintrittspreise draufgeschlagen werden. Der Überbau von Musikförderung ist Demokratieförderung: Musik schafft es wie vielleicht nichts anderes, Menschen aus unterschiedlichen Welten zusammenzubringen. Wer zusammen etwas Schönes erlebt, kann sich ungleich schwerer hassen.
Wir wissen, wie essentiell Musik, eine gemeinsame Musikkultur, Musikmachen und -rezipieren für Menschen ist. Die Möglichkeit zum Musizieren und zur Teilhabe an musikalischen Events muss universell gegeben sein. Das geht nur, wenn Grundbedürfnisse wie Essen und Wohnen sicher gedeckt sind. In unserer Version des Endzeitkapitalismus' sind sie das nicht: Wer Musik machen will, braucht Sicherheit und Zeit, wer Sicherheit und Zeit haben will, braucht Geld, sonst muss diese Zeit mit Lohnarbeit gefüllt werden. Das führt dazu, dass Musikmachen zunehmend Menschen mit entsprechenden Ressourcen vorbehalten ist. Das gilt auch für die Seite der Rezipient*innen: Wer ein Konzertticket haben will, muss das Geld dafür übrig haben. Förderung hat die Aufgabe, das Spielfeld zu ebnen, um allen die gleiche Ausgangsposition und die gleichen Chancen auf Erfolg zu geben. Oder nur die gleichen Chancen, sich den Eintritt leisten zu können. Einige wenden an dieser Stelle oft ein, dass Kulturförderung Wettbewerbsverzerrung wäre. Wenn sich etwas nicht von selbst rechnet, warum sollten wir es dann "künstlich" am Leben halten? Musik ist etwas sehr ideelles, ihr Wert ist nicht monetär messbar (foreshadowing: ist er doch, ihr werdet gleich sehn). Das ist ein Widerspruch in einer Welt, in der alles ein Preisschild hat. Diesen Widerspruch hebt Förderung auf. Ein Großteil von dem, was in Deutschland an Musik außerhalb der Majorlabels erscheint oder auf die Bühne gebracht wird, ist mittlerweile ohne Förderung kaum mehr realisierbar. Musik hat eine sinnstiftende Aufgabe in unserem Zusammenleben, da geht es eben nicht um Geld. Es geht um Leidenschaft, Geschichten, Identität. Kulturpolitik ist Gesellschaftspolitik.
Folgerichtig schrieb das Popboard NRW in ihrem Post zum Thema: Wer Demokratie stärken und künstlerische Vielfalt fördern will, darf Pop nicht schwächen.
Applaus von der Branche! Alle liken.
Aber ich bin jetzt mal ganz zynisch: Genau das ist der Punkt. Das will Weimer ja gar nicht.
Er will Demokratie nicht stärken, er will Vielfalt nicht fördern. Das haben er und die Regierungsparteien mit einer ganzen Reihe von Entscheidungen in verschiedensten politischen Bereichen ganz klar gezeigt. Deswegen ist die Kürzung in der Popförderung nur logisch und zielführend für die Gesellschaft, in der die CDU, rangewanzt an die AfD, leben will.
Wir können langsam auch sicher sein, dass der Grund für all die (für den gesunden Menschenverstand) absolut irrationalen Entscheidungen nicht ist, dass Prien, Reiche, Spahn oder Weimer keine Ahnung haben. Sie kürzen Teilhabe-, Klima- und Demokratieprojekte nicht, weil sie nicht verstehen, welche Auswirkungen das hat. Sondern deswegen. Naja, und weil sie selbst unberührt von den Konsequenzen bleiben.
Warum sollte ein Staat in Kultur investieren?
Lassen wir den ganzen gefühligen Kram mal beiseite: Der ROI (Return of Invest, also das was man rausbekommt, wenn man für etwas Geld ausgibt) bei Kultur liegt bei 250% – das hat erst vor kurzem eine Studie über Berliner Kulturförderung herausgefunden. ZWEIHUNDERTFÜNFZIG! Für jeden Euro, den das Land Berlin in Kultur investiert, nimmt es 3,50 Euro ein (oder spart andere Ausgaben in der Höhe). "Den rund 528 Millionen Euro Kulturförderung im Jahr stehen 1,88 Milliarden Euro an Rückflüssen gegenüber – ein Überschuss von mehr als 1,35 Milliarden Euro." Den wirtschaftlichen Effekt macht dabei vor allem der Konsum der Kultur aus, davon kommt ein großer Teil durch Kulturtourismus. Der Rest der "Rückflüsse entsteh[t] durch die Ausgaben der Kultureinrichtungen selbst, durch Aufträge an Unternehmen und über Ausgaben in der Stadt durch das eigene Personal". Die Studie zeigt außerdem, "dass Kulturbesuche das individuelle Wohlbefinden und die Gesundheit der Berliner*innen nachweislich steigern: Vier oder mehr Kulturbesuche im Jahr wirken sich darauf etwa so stark aus wie ein um bis zu 2.700 Euro erhöhtes Jahreseinkommen." Die gesellschaftlichen Effekte wie Bildung, Zusammenhalt, Stadtentwicklung werden auch beleuchtet, aber wir bleiben mal bei der Wirtschaft. Fairerweise muss man anmerken: Es ging hier nicht nur um Popmusik, sondern Kultur als Ganzes (Museen, Gedenkstätten…), was an dem Punkt, den ich hier aufzeigen will, aber nichts ändert.
Ihr habt bestimmt auch von Irland und ihrem Projekt zum Grundeinkommen für Künstler*innen gehört. Auch da hat sich die Investition allein wirtschaftlich mehr als gelohnt. Irland hat im Pilotprojekt 25 Mio Euro investiert. Künstler*innen bekamen 325 Euro pro Woche und konnten dadurch mehr Zeit in ihre Kunst investieren. Am Ende der Testphase lag der Wert für die irische Wirtschaft in "sozialen und ökonomischen Leistungen" bei 100 Mio Euro. 300% Wertsteigerung… Irland hat das Projekt folgerichtig dauerhaft eingeführt.
In UK werden Aktivitäten wie Singen, Tanzen, Basteln neben herkömmlichen medizinischen Maßnahmen von Ärzt*innen verschrieben und von der Krankenkasse bezahlt. Jedes Britische Pfund, das dafür ausgegeben wird, wandelt sich in etwa 9 GBP in Form von sozialem Wert um (für meine Datenfans: das sind dann 800% Wertsteigerung). Diese Einnahmen – es sind eher Ersparnisse für den Staat – entstehen dadurch, dass Patient*innen weniger krank werden; aber auch die gesteigerte Lebensqualität wird wirtschaftlich bemessen. Für deren Erreichung wäre ohne Verschreibung ein erheblich höheres Einkommen nötig.
|
|
Ich könnte jetzt die persönlichen, psychologischen, demokratischen … Benefits aufzählen, die solche Investitionen haben, aber ich möchte bewusst nur beim Geld bleiben. Denn ich will, dass ihr daran denkt, wenn ihr wieder Sätze hört à la "Wir können uns das und das nicht mehr leisten." – dann sollten wir vielleicht mal schlauer investieren, Friedrich! Das Regierungsversprechen der CDU war Wachstum. Damit argumentieren sie alles weg. Faktisch liegt das deutsche Wirtschaftswachstum aktuell unter dem EU-Schnitt und wird gefühlt jede Woche nach unten korrigiert. Es scheint oft so, als wären das einzige, was wächst, die Ausgaben fürs Militär.
Der ROI von Militärausgaben beträgt 50 Cent bis 1 Euro auf einen ausgegebenen Euro, ist also eine sehr viel schlechtere Investition als Kultur. Hier wird dann erstaunlicherweise mit den sozialen Benefits, die in den Diskussionen bei Kulturausgaben selten eine Rolle spielen, argumentiert (sIcHeRhEiT, aBsChReCkUnG). Dieser Artikel ist wahnsinnig spannend und dröselt ein paar kurz- und langfristige Effekte von Militärausgaben auf. Er endet mit: "'Diese Sicherheitspolitik hat einen Preis, und zwar im Umfang der Benachteiligung einer sozial und ökologisch nachhaltigen Wirtschaft.' Dagegen erzeugen öffentliche Investitionen in Kinderbetreuung, Schulbildung und gesellschaftliche Infrastruktur das Zwei- bis Dreifache an zusätzlicher Wertschöpfung." Ah, na sowas.
ROI Militärbudget Deutschland 2026: 62,35-124,7 Milliarden Euro ROI Bundeskulturetat 2026: 8,995 Milliarden Euro
(theoretische, vereinfachte Rechnung mit einem ROI von 0,5 bzw. 1 für Militär und 3,5 für Kultur)
Gedankenspiel: Wenn wir das Kulturbudget auf 50 Mrd Euro hochschrauben, könnten wir die Militärausgaben allein mit dem Gewinn decken. (Wenn das irgendjemand wöllte, aber leider wöllten das ja Leute.)
Investition = Gewinn / 2,5 = 125 Mrd. € / 2,5 = 50 Mrd. € 50 Mrd. € x 2,5 = 125 Mrd. € Gewinn (Endwert wäre dann 175 Mrd. €)
(auch hier theoretische, vereinfachte Rechnung, so linear verläuft das natürlich nicht und eventuell gibt es bei steigenden Summen irgendwo einen Cap, wenn jemand Wirtschafts- und Mathe-Crack ist, meldet euch, ich hab noch mehr Zahlen, mit denen ich spielen will)
Wenn das für Weimer et al. nicht überzeugend klingt! Aber leider bliebe dann immer noch die Sache mit der Demokratie. Ob andere Menschen Geld, ein gutes Leben und einen bewohnbaren Planeten haben, scheint den Menschen mit Geld, die bereits ein gutes Leben und immer eine bewohnbare, klimatisierte Bleibe haben werden und die gerade Entscheidungen für uns alle treffen, egal. So wirkt es zumindest. Denn all die hier genannten Zahlen kennen sie ja auch und doof sind sie nicht.
Diese Entscheidung, Musikförderungen, die eh schon lächerlich gering sind, einzukürzen, macht einfach enorm Sinn, wenn man sich das Ziel der aktuellen Regierung anschaut: die Zerschlagung von gesellschaftlichem Zusammenhalt zum Wohle von circa zwölf Milliardären (unterhaltsame Schätzung meinerseits, ich weiß nicht, wie viele es sind, aber you get the point). Wir können nicht mehr von Ignoranz oder Nichtwissen ausgehen, Kulturförderungen zu kürzen ist einfach ein sehr gutes Mittel, um uns weiter in die Einsamkeit zu treiben. Und wer freut sich, wenn Leute einsam sind, immer misstrauischer werden und sich gegenseitig angreifen? Genau.
Begründet werden die Einsparungen bisher indirekt mit der "Liberalisierungsinitiative". Kulturbehörden sollen reduziert werden, indem Verwaltungsprozesse digitaler, schlanker und praxistauglicher gestaltet werden. Es soll "einfacher werden, Anträge zu stellen und Fördergelder flexibler einzusetzen. Außerdem sollen Bagatellgrenzen bei möglichen Rückforderungen eingeführt und Dokumentationspflichten abgebaut werden." Das sind (unironisch) tolle Ansätze. Skepsis dürfte allerdings angebracht sein: Wer soll diese neuen Infrastrukturen aufsetzen, wenn die Gelder für die Förderinstitutionen gestrichen werden? Sind das wirklich die Posten, die Millionen sparen? Könnte man das dadurch gesparte Geld nicht einfach direkt in die Kultur weiterleiten? "Weitere Entlastungen sowie regulatorische und administrative Handlungsfelder für die Kultur- und Kreativwirtschaft werden im September in einem gemeinsamen Workshop mit dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie mit den Branchen und anderen Ressorts erörtert." Wir sind gespannt (ironisch, leider).
|
|
Bisher sind diese Kürzungen nur Pläne. Es kann alles anders kommen. Eine Sache fällt allerdings noch ins Auge: nicht überall wird gekürzt. Gewinner sind die Wagner-Festspiele in Bayreuth, die eine zusätzliche Million bekommen. Heißt das also, die kriegen jetzt mehr Bürokratie? Im Ernst: Ein Schelm, wer daraus Schlüsse zieht, wie zum Beispiel, hier würden bestimmte Musik oder Musikrichtungen bevorzugt werden. Oder bestimmte Gesinnungen von Künstler*innen. Selbst, wenn wir die Geschichte Wagners (Antisemit und Naziliebling) beiseite lassen, ist das unbestreitbar keine Popmusik, sondern das, was dem Klischee der "wertvollen/Hochkultur" entspricht. Man könnte vermuten, dass Popmusik aufgrund seiner progressiven Natur unter Generalverdacht steht, zu "links" zu sein. Was wahrscheinlich auch stimmt, jetzt, wo ja alles als links gelabelt wird, was einen Funken Empathie, Solidarität oder Vielfalt enthält. Frustrierend, es darf aber nicht dazu führen, dass sich verschiedene Genres jetzt gegeneinander ausspielen lassen. Zumal die Bayreuther Festpiele (Was darf Satire?) ein absolutes Flagship-Projekt sind. Diese Konzerte haben ohnehin ein irres Budget, die Karten sind hochpreisig und trotzdem schnell vergriffen. Hinzu kommen Reisekosten für Besucher*innen. Das macht es sehr exklusiv. Man findet dort sicher eine Handvoll gemeiner Klassik-Fans, aber vor allem das politische Who is Who; auch international. Zu denken, dass eine Mehrförderung dieses Projekts bedeutet, Klassik würde bevorzugt werden, ist also falsch, hier geht es um die absolute Elite der deutschen Klassikwelt. Chöre oder Orchester zum Beispiel gucken ebenfalls eher in die Röhre.
Was jetzt?
Wie erwähnt, stoßen die Pläne auf Gegenwind aus der Musikbranche. Allerdings ist es ein laues Lüftchen in der Echokammer der eigenen Ansichten, in der man sich sicher sein kann, dass die Rezipient*innen ein engagiertes "Jawoll!" in die Kommentare pusten und dann…
Ja, dann halt nichts. Es sieht eher so aus, als würden Teile der Branche Weimer hofieren und bereits Entscheidungen aus vorauseilendem Gehorsam getroffen. Ich verstehe das bis zu einem gewissen Punkt; an einer Förderung oder auch nur am Weitermachen wie bisher hängen Existenzen. Sich offensiv gegen einen Kulturminister zu stellen, kann die Streichung der Förderungen zur Folge haben. Sollte es in einer Demokratie nicht, aber wir sehen das gerade überall (siehe zum Beispiel Radikale Töchter) und dass das auch in der Musikbranche passieren kann, ist leider absolut wahrscheinlich. Kleine Fördertöpfe werden außerdem den Konkurrenzdruck erhöhen, was auch den Zusammenhalt untereinander beeinflussen wird.
Doch wenn wir jetzt nichts sagen, wenn wir jetzt nicht richtig wütend werden und diese Wut auch sichtbar und hörbar umsetzen, wenn wir nicht zeigen, was hier gerade kaputtgeht, dann wird das weitergehen. Dann werden die Förderungen weiter zusammengestrichen und nur noch an die verteilt, die linientreue Kunst machen oder die gern vom Kulturminister persönlich genossen werden. Wir alle zahlen diese Förderungen durch unsere Steuern. Ich möchte, dass sie dort eingesetzt werden, wo sie den größten Effekt aufs Gemeinwohl haben. In einer Demokratie muss es möglich sein, berechtigte Kritik an der Regierung zu äußern, ohne dass das Auswirkungen auf die Fördervergabe hat. Sobald wir dieses Recht aus Angst nicht mehr wahrnehmen, löscht sich die Demokratie selbst aus.
Wie kann Widerstand aussehen?
Das ist die Frage, an der wir uns gerade die Zähne ausbeißen (ich, ihr, die Branche). Wie können wir öffentlichkeitswirksam klar machen, was auf dem Spiel steht? Womit werfen wir Sand ins Getriebe? Wie bekommen wir die Allgemeinheit auf unsere Seite? Alle hören Musik, aber Musik hat keine Lobby. Natürlich können wir uns selbst Solidarität versichern, aber so richtige Hebel haben wir nicht. Johann Scheerer schlägt in diesem Text einen Generalstreik und die Gründung einer Gewerkschaft vor. Gut! Aber schwierig: Der Großteil der Musikindustrie – vor allem der Independentsektor, für den Förderungen am wichtigsten ist – ist selbstständig. Wenn wir nicht arbeiten/auftreten/öffnen, schaden wir also vor allem uns selbst. Und wenn wir keine Musik mehr veröffentlichen, hören die Leute halt irgendwas anderes bei Spotify. KI beschwert sich nicht. Als Selbstständige*r kann man auch nicht so richtig eine Gewerkschaft gründen, in Deutschland würde das wahrscheinlich auf einen Verein hinauslaufen. Davon gibt es im Musikbereich bereits durchaus welche, die sich aber – so scheint es zumindest von außen – momentan aus Angst auch keine großen Gegenreden erlauben wollen und ihre Kräfte noch nicht in dem Maß gebündelt haben, wie es vielleicht möglich wäre. Fab beschreibt es drüben bei Low Budget High Spirit so: In der Musikindustrie "gibt es verschiedene Gewerke, Partikularinteressen, keinen Tarifvertrag, sondern extreme Scheren im Einkommen, bei den Perspektiven und Befindlichkeiten. Sogar innerhalb der Einzelgruppen. Und ja, alle haben ihre eigenen Verbände und Interessenvertretungen. Aber offensichtlich schaffen es BVMI, VUT, IMUC, Pro Musik, eine Akademie für Populäre Musik und alle Anderen nicht, ihre (respektive unsere) Interessen durchzusetzen. Das muss man nach jahrelangen Versuchen einfach ehrlich konstatieren. Und dann fragt man sich schon, warum da niemand mal so richtig auf den Tisch haut, warum da niemand eine echte Mobilisierung schafft. Die Antwort lautet: Zu zersplitterte Interessen und die Angst, dass wer den Mund aufmacht, den Zonk zieht."
Und deswegen richte ich mein Ohr an euch: Welche Ideen habt ihr, den Betriebsablauf zu stören? Sei es als Musiker*in, Fan, Techniker*in, Label, Booking, Venue, Journalist*in… Welche Strukturen brauchen wir jetzt, um wirkungsvoll und gemeinsam aufzutreten? Wie holen wir die Leute außerhalb der Musikindustrie ins Boot?
Wir freuen uns auf eure Zuschriften!
Fandet ihr diesen Text interessant oder sogar hilfreich? Er hat zwei Arbeitstage Schreib-und Recherchezeit benötigt. Wenn ihr sicherstellen wollt, dass wir weiterhin Texte wie diesen schreiben können, werdet jetzt Steady-Mitglied! Für Musikjournalismus gibt es jetzt schon so gut wie keine Fördermöglichkeiten. Es hängt von euch ab, ob wir existieren. (Oder von Werbung, die wir hier machen, aber damit machen wir uns abhängig. Lieber möchten wir von euch abhängen.) Nehmt euch heute die Zeit und schaut euch wenigstens einmal auf unserer Steady-Seite um:
|
PPS: Ein Grund, warum viele von uns sich so hilflos fühlen, ist, dass wir unsere Rechte nicht kennen und deswegen auch nicht wahrnehmen. Ich bin noch nicht ganz durch mit dem neuen Arne-Semsrott-Buch Gegenmacht: Die Zivilgesellschaft schlägt zurück – da stecken Ideen drin. Wir haben viel mehr Spielraum, als wir denken.
|
Das war's für heute. Melanie hat zum Geburtstag gleich zwei Mundharmonikas geschenkt bekommen und jetzt gilt auch für sie das gute alte Sprichwort: Put your Mundi where your mouth is. Bis Weihnachten hat sie Zeit, den Mundharmonika-Part von Ezra Furmans "Take Off Your Sunglasses" zu lernen. Rosie sucht immer noch nach einem Lied, das sie auf ihrem neuen Akkordeon lernen kann, das nicht nach'm Holzmichel klingt.
Wenn ihr bis hier gelesen habt: Aktuell kann man coole Medienprojekte für den Grimme Online Award vorschlagen. Vielleicht fällt euch ja ein innovatives Musikmagazin ein, das ihr da einreichen wollt.
Nächsten Mittwoch hören wir uns im Podcast. Die nächste Mail-Ausgabe ZWISCHEN ZWEI UND VIER kommt am 12. August Hast du dich gut unterhalten gefühlt, was gelernt oder neue Musik entdeckt? Schmeiß was in unsere Paypal-Kaffeekasse oder:
|
|
|
|
|