Für die aktuelle Ausgabe des diffus Printmagazins habe ich mich mit Sizarr getroffen – einer Band, die schon gute zehn Jahre nicht mehr aktiv ist, aber in ihrer kurzen Schaffensphase tiefe Furchen in Herzen und Musiklandschaft gefräst hat. Wir haben darüber gesprochen, wie das damals war, die undeutscheste Band zu sein, und ob da jetzt noch mal was kommt.
Den Artikel mit Kontext zur Band, Zitaten von Wegbegleitern und musikalischer Einordnung der Alben gibt es im diffus Mag. Da erwarten euch auch zahlreiche andere Themen: Metal in der Subsahara, ein Deepdive in die deutsche Vaporwave-Szene, Titelstory (und Poster!) mit Ikkimel, Baran Kok, Philine Sonnys Produktionstipps und, und, und… und das für 10 Euro, da kann man nicht meckern.
Hier bekommt ihr das nackige Interview-Transkript von meinem Gespräch mit Sizarr. Dafür habe ich mich im Februar mit Marc Übel, Philipp Hülsenbeck und Fabian Altstötter irgendwo in Lichtenberg getroffen. Initialer Gesprächsaufhänger war meine Obsession mit dem zweiten Sizarr-Album NURTURE. – Melanie
Wie schaut ihr auf NURTURE zurück?
Marc: Ich muss ehrlich sagen, ich habe es lang nich mehr gehört. Ich bin auch nicht so ein Nostalgiker. Ich hab an PSYCHO BOY HAPPY, das erste Album, wärmere Erinnerungen als an's zweite. Aber live hat's viel mehr Spaß gemacht als das erste. Zuletzt hab ich ein paar Songs davon gehört. Ich war in 'nem Nähmaschinenkurs, da hat meine Sitznachbarin aus mir rausgelockt, dass ich mal in 'ner Band war und dann hat sie drauf bestanden, dass die Lehrerin das anmacht. Dann lief den Rest des Kurses Sizarr.
Hat's den Leuten gefallen?
M: Ja. Ich finde alles in allem ist es ein gutes Album. Ich glaub, der Entstehungsprozess war schwieriger.
Fabian: Ich find das erste Album ist besser gealtert als das zweite.
M: Aber das hängt damit zusammen, wie es entstanden ist.
Philipp: Genau, die Umstände waren einfach andere. Unvoreingenommener. Beim zweiten gab es Erwartungen, es musste passieren. Das hat uns schon ein Stück weit eingeschränkt. Ich hab zur Vorbereitung beide Alben gehört. Beim ersten erinnere ich mich an so viele Momente und da haben wir Production Moves zum ersten Mal gemacht. Beim zweiten war mehr Fokus drauf, dass wir richtig Songs schreiben: wir sind 'ne Band, wir spielen Instrumente.
F: Das Erste war generell roher, viel naiver. Im Zweiten haben wir mehr gewollt auf 'ne Art. Waren auch untereinander musikalisch weiter voneinander entfernt, haben so in unterschiedliche Richtungen gedacht. Bei PSYCHO BOY HAPPY hab ich mehr Momente, wo ich uns süß find in der Musik. Beim zweiten gibt's die auch…
M: …aber es ist krampfiger. Was wichtig ist – generell für die Band –, ist, dass es so früh schon professionell losging. Als wir den Vertrag unterschrieben haben, war ich gerade 18. Das ist die Zeit, wo man sich so schnell weiterentwickelt. Wir alle haben uns so schnell in verschiedene Richtungen entwickelt, jeder wollte was anderes machen. Deswegen war es beim Zweiten ein bisschen schwierig, auf 'nen Nenner zu kommen.
In Vorbereitung auf das Interview hab ich eine Instagram-Umfrage zu euch gemacht, ob jemand außer mir immer noch so viel an euch denkt. Turns out: Viele Leute haben so viele Gefühle zu Sizarr. So viele haben das damals gehört, viele haben das jetzt erst entdeckt. Mehr als einmal kam "Komisch, dass es diese Band gab, dass die deutsch waren." Viele erkennen den Wert auch, wenn sie damals nicht dabei waren. Das ist ein krasses Qualitätsmerkmal, wenn du es eben nicht aus Nostalgie hörst.
F: Deshalb ist unser Gefühl fürs erste Album idiosynkratisch. Das erste Album ist sehr eigen, auch für die Zeit. Marc war immer derjenige von uns, der Musik am meisten ausgecheckt hat und das breiteste Knowledge hatte. Trotzdem waren wir alle Teenager auf dem Land, die null beeinflusst oder connected waren zu irgendeiner Szene oder zu einer Welt, die einen prägt.
P: Das war ein Stück weit unser Glück, dass es so schnell losging und wir so schnell unterwegs waren. Dadurch konnten wir rumexperimentieren und alles, was wir entdeckt haben, landete im gleichen Topf.
M: Die Entstehung vom ersten Album war experimentell. Das hatte so eine gesunde Arroganz: Wir machen das.
F: Es gab keinen Referenzrahmen. Natürlich gab's Referenzen, die haben wir auch gehört, aber wir konnten sie nicht kopieren. Wenn wir's probiert haben, kam was ganz anderes raus.
P: Und wir wollten alles gleichzeitig machen. Wir wollten alles gleichzeitig sein, jeder wollte sich durchsetzen.
M: Bei NURTURE wollten wir eher einen roten Faden.
F: Wenn du uns damals befragt hättest, hätten wir wahrscheinlich gesagt: Ja, das erste Album, weiß ich jetzt nicht, is so'n bisschen crazy und nicht so kohärent. Wir haben wirklich einfach die Würfel geworfen und unseren eigenen Zeitgeist eingefangen.
M: Was auch immer ein Thema war bei uns: Wir haben in dieser Indie Szene stattgefunden, haben diese Musik aber nie gehört.
F: Das war auch nie unsere Ambition. Wir haben uns nie verbunden gefühlt mit der deutschen Szene. Das war auch von Anfang an so ein Ding, wo wir nicht explizit stattfinden wollten, da waren wir anti. Da sind wir jetzt auf jeden Fall viel gemäßigter.
Das heißt, die Einschätzung, dass ihr nicht deutsch klangt, war gewollt.
F: Voll. Die Musik, zu der wir uns zugehörig gefühlt haben, das war alles nicht deutsch.
M: Aber wie klingt deutsch? Tocotronic oder was?
F: … Neubauten, Techno…
M: Aber das beruft sich auch alles auf andere Sachen.
Es gibt schon einen gewissen Sound, den man erkennen kann bei deutschen Bands, die Englisch singen. Mein Kollege Wolfgang Zechner schrieb mir: Jede deutsche Band, die Englisch singt, klingt entweder wie Liquido oder The Scorpions. Sizarr wären aber The Notwist.
M: Notwist klingt doch auch voll deutsch.
P: Notwist fand ich immer interesting, bei denen habe ich das Gefühl, dass denen Erfolg 'n Stück weit latte ist.
M: Es gab trotzdem auch deutsche Einflüsse. Wir wollten uns von deutscher Musik ja nicht fernhalten. Aber das war dann eher Modeselektor, Mouse On Mars.
M: Es wurde immer so 'ne Band genannt: The Maccabees. Und wir kannten die einfach nicht
F: Ich kenn die bis heute nicht.
War Sizarr international groß?
M: Nicht wirklich. Wir haben in Frankreich so'n bisschen gespielt, aber eher Supportshows.
P: Ich glaub, der Ansatz war so'n bissl off. In Deutschland war das schon sehr weird für die deutsche Indie-Pop Landschaft. Aber wir hatten massiven Support von Leuten, die viel erfolgreicher waren. Casper vor allem, Kraftklub. Leute, die in Indie und Rapland krasser waren. Es gab die Hoffnung, dass man uns als Indie-Export puschen kann und das ging schief, denn es gab keinen französischen Casper, der uns mitgenommen hat.
P: Ich glaub trotzdem, dass Dinge viel organischer wachsen müssen. Und das bestätigt, wie merkwürdig unser Fall auch war. Auf positive Art und Weise, wie wir da einfach Glück hatten, wie wir wahrgenommen wurden. Man sieht es ja mit den Sachen, die wir danach gemacht haben: man veröffentlicht was, das ist nischiger, aber die Nische ist international viel besser vernetzt. Ein Song kommt raus und dann spielt den jemand in Korea.
F: Who knows, wenn wir weitergemacht hätten und für uns mehr gecheckt hätten, wo wir hinwollen, so wie wir das jetzt machen, hätte bestimmt auch was anderes passieren können.