Mein Problem mit Musicals ist immer, dass ich den Menschen nicht abkaufe, dass sie statt einfach zu sprechen jetzt wirklich losträllern würden. Die einzigen Geschichten, in denen mir glaubhaft verklickert wird "diese Worte muss ich singen" findet man in der Welt von Adventure Time. Vielleicht, weil in der animierten Show über Finn, den Menschen, und Jake, den Hund, sowieso allerlei Absonderliches passiert und das Verhalten der Protagonist*innen ziemlich unvorhersehbar ist. Hier sind einige meiner liebsten Musikmomente – Rosalie
Adventure Time ist eine Zeichentrickserie, die von 2010 bis 2018 von den Cartoon Network Studios produziert wurde und in der Finn und Jake regelmäßig Heldentaten vollbringen müssen.
Nicht selten lösen kleine Liedchen Probleme oder Schlachten, die Finn mit seinem Schwert austragen wollte, werde schließlich durch einen Song voller Ehrlichkeit gewonnen. Zwischen den Dialogen, die oft quatschig und abgedreht sind, werden verletzliche Gedanken regelmäßig zaghaft und schräg gesungen – vielleicht um die Spannung, die so ein Geständnis erzeugen kann, etwas zu lösen. Und auch die übergeordnete Storyline der Serie wird oft mittels Songs vorgetragen, sodass größere Zusammenhänge erst in Liedern offenbart werden. Naja, und es gibt natürlich auch ein paar unsinnige Lieder. Die besonders musikalischen Folgen gehören zu den Fanfavoriten, denn die Songs sind Fenster in die manchmal nicht ganz so verständliche Welt von Adventure Time und die Gefühle der Charaktere, die viel dafür tun, immer lustig und heldenhaft zu wirken. Manche Stimmen mag ich auf Deutsch und manche auf Englisch lieber und manchmal ist der Originaltext erheblich besser – deshalb sind diese Beispiele in beiden Fassungen.
Baby (Staffel 01, Folge 06) Finn singt einen catchy Autotune-Song (weil er mal einen Computer verschluckt hat) über seine kleinen Söckchen. Ich habe Lieblingssocken mit genau der richtigen Länge und auch sie verdienten ein Loblied.
Auch Kindheitstraumata machen vor dieser unschuldig wirkenden Serie nicht halt. So singt die coole Vampir-Bassistin Marceline darüber, dass ihr Papa ihr als Kind die Pommes weggefuttert hat. Klingt jetzt, als wäre da das Wort 'Trauma' eine maßlose Übertreibung, aber es ist eine von vielen egoistischen Aktionen ihres Vaters (ein Dämon, der im Grunde nie da war), weshalb sie singt: "Daddy, do you even love me?". Manchmal kommen die krassesten Erkenntnisse in so kleinen Momenten daher und manchmal ist ein Lied das Einzige, was gegen diese Zweifel hilft.
Ein neues Hip-Hop-Subgenre mit großem Potential: Finn spielt auf einem Luftballon und rappt dazu, HipHop-Klischees wie "shake your ass" und "bills" (Geld) werden zu "shake your eyes" und "duck bills" (Entenschnäbel), was lautmalerisch kaum einen Unterschied macht und deswegen umgehend übernommen werden sollte. Jake findet Finns Erfindung gut, aber verbesserungswürdig.
Finn hatte eine von Clowns-Krankenpfleger*innen ausgelöste Krise, ist ausgeflippt und hat dann eine Menge Chaos und Leid angerichtet. In dem kurzen Lied realisiert er: Das war nicht richtig. Er singt krumm und schief (wieder mit Autotune) und verschiedene Synths blinken auf – so ganz rhythmisch ist es nicht. Der Wind raschelt, Vögel tschilpen, während Finn sich fragt: "Wie konnte das passieren?" und ich finde, dass eine Sinnkrise ganz genauso klingt.
Eine hohe Note am Ende verändert alles. Dieser Song wäre nicht halb so cool, ohne das finale "Pancakes". Wie cool der Song ist, zeigen mehrere Remixe und dieses Mash-up mit "New York" von Alicia Keys (auch das gibt's natürlich in einer einstündigen Version – you're welcome).
Nuts (Staffel 04, Folge 25) Marceline versucht, ihren besten Freund und Ziehvater Simon, der durch eine Krone zum verrückten bösen Eiskönig geworden ist, irgendwie zu erreichen. Sie hat echt kein Glück mit Vaterfiguren und klingt so müde und enttäuscht. Man merkt in diesem Lied, dass sie schon an die tausend Jahre auf der Welt ist. Obwohl Simon im Raum ist, singt sie dieses Lied eher zu sich selbst. Musik ist einfach ihr Coping-Mechanismus.
In ihrer Kindheit singt Marcelines Mutter ihr ein beruhigendes Schlaflied, weil sie oft von Albträumen geplagt wird. Noch Jahre später wiederholt Marceline die Zeilen, die davon erzählen, wie sich Dinge verändern und doch alles gleich bleibt. Allemal beruhigender als Lalelu. Hinter dem Schlaflied verbirgt sich dabei eine echte Kindheitserinnerung von Rebecca Sugar aus dem Autor*innenteam der Serie. Sugar erzählt hier von einem Stoffhasen, den Sugar im Garten vergessen hatte und der von der Sonne ganz ausgeblichen wurde.
Wenn ein kleiner Roboter durch die Wüste reitet, muss das musikalisch begleitet werden: Gitarren (klar) treffen auf leise 8-Bit-Sounds – was für eine Mischung für eine einsame Cowboy-Kulisse. Die Beep-Sounds sind ein würdiger Ersatz für die Lapsteel, die sonst für den richtigen Schnuff Western sorgt.
Innerhalb von Adventure Time gibt es einen großen Bandcontest. Klar tritt Marceline an und zwar mit "Francis Forever". Kommt euch bekannt vor? Korrekt, der Song wurde von Mitski geschrieben und kommt von ihrem Album BURY ME AT MAKEOUT CREEK.
Im Serienfinale gibt es viele Lieder, doch eins überstrahlt alles. Denn durch den kleinen Roboter und sein Schutzlied für Jake kann das finale Endboss-Monster geschlagen werden. Allerdings nur, weil viele andere Charaktere mit einstimmen und die Harmonien das Unheil in die Knie zwingen. Dabei singen alle krumm und schief und das macht es besonders schön. Musik rettet die Welt, und zwar, weil sie gefühlt wird, nicht, weil sie perfekt klingt.