9. September 2026
Ausgabe #127 Alles, was ihr nie über Musik wissen wolltet von Melanie Gollin und Rosalie Ernst. Das hier ist euer Musikmagazin fürs Mailfach, alle 14 Tage zwischen zwei und vier Themen. mehr erfahren
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Heute: Wisst ihr, was ein Pleonasmus ist? AB Syndrom auch nicht. Was ihr auch nicht wisst: Ob Musikempfehlungen auf Social Media von Labels oder Agenturen bezahlt werden. Wir schauen auf den Wilden Westen des Musikmarketings und fragen uns: Welche Regeln gelten, wo hört Musikjournalismus auf und wo fängt Werbung an?
An dieser Stelle begrüßen wir unsere neuen Unterstützer*innen Julia, Marco, Fabian und Lukas. Dank euch müssen wir nicht in jeden Apfel beißen. Komm auch du in unsere Community! Mach unsere Arbeit langfristig möglich, sichere Medienvielfalt und hilf uns dabei, der Musikbranche ans Bein zu pinkeln! Aktuell sind wir 134 Leute bei Steady. Unser Ziel für 2026 sind 222 Mitglieder.
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ZWISCHEN ZWEI UND VIER gibt's übrigens auch als Podcast.
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In der aktuellen Folge: Rosie öffnet ihren Theoriekoffer und erklärt uns das Phänomen Tonartwechsel – mit jeder Menge Beispielen, da ist Dopamin garantiert. Und wir debattieren, warum diese ganzen Listen mit den besten Songs und Alben aller Zeiten seit Jahren die immer gleichen Namen sortieren. Melanie hält mit ihren persönlichen Top-10-Lieblingssongs-ever dagegen.
Überall, wo ihr Podcasts hört.
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Ihr könnt in euren Songtiteln und Liedtexten ja machen, was ihr wollt. Aber sinnig muss es schon sein. Nach Sunrise muss ich jetzt AB Syndrom vorladen. Platz nehmen, meine Herren. – Melanie
Frisch erschienen ist das neue Album ABRISS, das siebte von AB Syndrom. Es klingt ungefähr so:
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Allerdings muss ich an der Platte auch Dinge bemängeln. Auf "Was ich seh", dem vierten Song, finden wir folgende Zeile:
Hast du schon so oft deine Fußzehen gebrochen, schon so oft von deiner Angst vor der Zukunft gesprochen?
Da sträubt sich mir direkt die Haarfrisur. Das Wort "Fußzehen" ist ein sogenannter Pleonasmus, ein Wort, das einem anderen Selbstverständliches und daher Überflüssiges hinzufügt. Oder wie ich sagen würde: Was denn sonst für Zehen? Die Band zeigt sich auf Nachfrage reumütig, überzeugt aber auch mit Gegenargumenten: "Naja, nicht dass alle denken, ich hätte mir schon so oft meine Knoblauchzehen gebrochen!!!"
Touché.
Ein anderes Ärgernis auf dem Album, mit dem ich besser umgehen kann, weil nicht ich, sondern die Band damit leben muss: Es gibt einen Song namens "Alphabet", in dem selbiges auch froh gesungen wird. Praktisch zur Auffrischung. Aber warum heißt der Song nicht
"ABC Syndrom"? Und tatsächlich, die Band ärgert sich über diese verpasste Chance. Nächstes Mal hör ich vorher ab, ok, AB? (Das reimt sich, wenn ihr es richtig lest.)
Wollt ihr auch Grammatik mit AB Syndrom diskutieren?
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COMMUNITY Wir verlosen pro Stadt 1x2 Tickets. Antwortet einfach auf diese Mail mit eurem Namen und eurem Wunschort und dann losen wir aus. Einsendeschluss ist der 22. September.
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Das Verhältnis von Musikjournalismus und Musikindustrie ist schon immer eines, das sich nicht ganz so leicht fassen lässt und von einer gegenseitigen Abhängigkeit geprägt ist. In den letzten Monaten sind immer wieder Details aus der Welt des Musikmarketings ans Tageslicht gekommen, die zeigen, wie die Beziehungen zwischen Agenturen und Musikmedien aller Art gerade shiften, und gleichzeitig klarmachen, wie Musikoutlets selbst sich verändert haben. Es gibt viel Bewegung und wir wissen noch nicht, wie sich das auf uns als chronisch online lebende Musikfans auswirkt – und was das für ZWISCHEN ZWEI UND VIER und die Glaubwürdigkeit unserer Zunft bedeutet. Ergründen sollten wir es deswegen genau jetzt, noch bevor wir eine Antwort gefunden haben. Wo soll das enden? – Rosalie
1. Misstrauen gegenüber Trends
Erinnert ihr euch an den Aufreger des Jahres? Im April veröffentlichte WIRED einen langen Artikel darüber, dass der Erfolg der gehypten Band Geese das Ergebnis eines sogenannten Psyop (kurz für: Psychologial Operation) gewesen sein soll. Die Band tauchte im Roster der US-Marketingagentur Chaotic Good Projects auf. Deren Geschäftsmodell: Mit einem Netzwerk aus TikTok- und Instagram-Accounts, die von außen nach legitimen, privaten Profilen aussehen, fluten Chaotic Good die Plattformen mit Videos und Kommentaren über ihre Klient*innen, um einen organischen Hype zu suggerieren. Die Linie zwischen Promotion und Manipulation verschwimmt, denn natürlich wird in den Profilen nicht angegeben, dass sie zur Werbeagentur gehören. Wenn wir bislang geglaubt haben, dass Indie-Newcomer*innen zumindest der Willkür der Algorithmen genauso ausgesetzt seien wie Major-Artists, ist das damit widerlegt. Es wird einmal mehr deutlich, was schon längst klar ist: Geld regiert den Markt.
Natürlich gibt es mehr Firmen wie Chaotic Good, die nach demselben Rezept Erfolg versprechen. Chaotic Good belegen ihren Erfolg allerdings an keiner Stelle, im Gegensatz zu anderen Anbietern, die auf ihren Websites damit werben. Spade Clipping zum Beispiel bietet ein breites Oeuvre an. Neben "Soundflooding" kann man in ihrem Portfolio auch "Concert Clipping" oder "Lyric Pages" finden – alles verschiedene Wege, Musik auf den sozialen Netzwerken durch vermeintlich echte Accounts zu pushen. Spannend: Jede*r kann sich hier als Clipper anmelden. Ihr Service baut also nicht ausschließlich auf brandeigene Accounts. Dadurch wird die Lage noch etwas undurchsichtiger, denn nun stecken ja tatsächlich private Profile hinter bezahlten Posts. Auch auf dem deutschen Markt finden wir Vergleichbares. Die Agentur Promoplug schreibt: "Wir betreiben über 50+ eigene Kanäle in jeder Bubble [...] Diese NoFace Kanäle werden jeden Tag bespielt, Marken und Musiker buchen sich Spots & Produktion ein und erzielen Millionen-Reichweiten. Natürlich alles organisch [...]."
Ich beobachte bei mir, dass sich damit ein neues Misstrauen gegenüber Onlinetrends, viralen Hits und Hypes eingestellt hat und es auch meine Berichterstattung, Empfehlungen und Themenrecherche beeinflusst. Denn es ist ein Unterschied, eine gute, ehrliche Story, die sich im Netz entwickelt hat, zu erzählen oder eine, die sich findige Marketingfüchse ausgedacht haben. Es ist etwas anderes, ob ich darüber schreibe, dass viele Menschen sich zusammentun und eine ästhetische Erfahrung miteinander teilen, oder ob diese Profile nur leere Werbehüllen oder sogar Bots sind.
Dass Ikkimel und Kitschkrieg ft. Blumengarten gleichzeitig in den USA mit deutschsprachigen Songs viral gehen und sie auch noch beide vom selben Sublabel vertreten werden, klingt in diesem Zusammenhang nach einem ganz schön großen Zufall. Überprüfen kann man das natürlich nicht und so soll es ja auch sein. Knifflig ist auch der Kipppunkt: Denn natürlich kann ein Hype, der künstlich anfing, ein "organischer" Hype werden, wenn eine kritische Masse erreicht ist. Irgendwann fangen echte, nicht bezahlte Menschen an, darüber zu posten. Und dass Leute etwas ernsthaft gut finden, obwohl sie es ohne Werbung nie mitbekommen hätten, kann man ihnen schwer absprechen.
2. Misstrauen gegenüber Musik-Content-Creator
Die Marketing-Maschine rollt aber nicht nur mittels pseudopersönlicher Agenturprofile. NPR hat im Juli in einer Recherche gezeigt, dass Labels und Agenturen gezielt mit Musikinfluencer*innen zusammenarbeiten. Für den Artikel hat der Radiosender mit fünf verschiedenen Creator unterschiedlicher Reichweite gesprochen. Alle fünf erzählen, dass sie regelmäßig für Reactions, Rezensionen und Empfehlungen bezahlt werden. Für Konzertvideos oder das Nutzen eines Sounds fließt dann Geld – in der Welt von TikTok, Instagram und der Realität, in der Content Creation ein ernster, aufwändiger Job ist, ist das ja auch nur logisch und legitim. Das Problem: Diese Koops werden kaum als solche markiert und selten als gesponsert oder als Werbung gekennzeichnet. Das erinnert an Payola: So nennt man das, wenn Radiosender von Labels oder Promofirmen dafür bezahlt werden, dass sie bestimmte Songs spielen. Die Bezahlung wird dabei nicht offengelegt. Offiziell ist das verboten. Jetzt also "Payola, die Social Edition". Transparenz? Laut NPR Fehlanzeige.
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Bryson Keith ist TikToker mit einer Million Followern und erklärt sich im Interview so: "Ich glaube, bei Musik ist das ein bisschen anders, weil eigentlich niemand etwas kauft. Man hört sich einfach nur einen kostenlosen Song an." Oh Boy, wo fängt man da an? Bei Musik ist es nicht "ein bisschen anders": Die Federal Trade Commission hat in ihren Leitlinien erklärt, dass Influencer*innen, wann immer eine Werbebotschaft Teil eines Videos ist, dies erkennbar kennzeichnen müssen. Diese Praxis ist also abmahnfähig. Mal davon abgesehen, dass Musik natürlich nicht kostenlos ist (auch wenn sich das in der Streamingwelt so anfühlt) und aus Agentur- und Labelsicht ganz klar ein Produkt und eine Verkaufsabsicht dahintersteht. Trotzdem hat Bryson – so dämlich dieses Zitat auch ist – einen Punkt. Alle Menschen, mit denen ich mich über das Thema unterhalte, sind erschrocken, dass Musikinfluencer*innen teilweise Geld für Empfehlungen bekommen. Auf Musikempfehlungen von Insta- und TikTok-Kanälen hatten meine Gesprächspartner*innen bisher nie misstrauisch reagiert, weil sie Musik(geschmack) als etwas zu Persönliches und tatsächlich weniger als Produkt wahrnehmen. Auch in Deutschland gibt's unmissverständliche Vorschriften: Der Medienstaatsvertrag schreibt in § 22 Absatz 1 MStV vor, dass Werbung als solche klar erkennbar sein muss und "keine unterschwelligen Techniken eingesetzt werden" dürfen. Dies gilt für TV, Radio, Blogs, Social-Media-Kanäle und Podcasts gleichermaßen. Zusätzlich gibt es das Gesetz für digitale Dienste, das nochmal konkret für Social-Media-Plattformen benennt, dass kommerzielle Kommunikationen gekennzeichnet werden müssen – das gilt für alle, auch unabhängig von der Followerzahl.
Habt ihr schon mal gesehen, dass die Nutzung oder Empfehlung eines Songs auf TikTok oder Instagram als Ad oder Placement ausgewiesen wurde? Wir sehen das bisher selten. Das heißt natürlich nicht, dass alles andere gekauft und nicht gekennzeichnet ist. Vielleicht werden die von NPR recherchierten Methoden in Deutschland einfach nicht angewandt? Wir hören uns um. Ein*e deutsche*r Musikinfluencer*in mit über hunderttausend Followern berichtet, er*sie hätte bereits ähnliche Angebote bekommen – allerdings nur wenige und hätte diese auch immer direkt abgelehnt, sodass es nie zur Besprechung einer Werbekennzeichnung oder dem Ausbleiben dieser kam.
Die Person erzählt uns, dass sie die Praxis aber von Kolleg*innen kenne und es in der Branche nichts Besonderes sei. Es gäbe auch spezifische Medientage, an denen Aktionen von Musiker*innen speziell für Content Creator angeboten werden: gesonderte Interviewslots, Listening Session, beim Soundcheck dabei sein etc. Die Vergütung sei da meist nur der Content und gegebenenfalls die Gästeliste für das entsprechende Konzert. Promoplug hat so einen Fall im Portfolio aufgelistet: eine Kooperation mit Cro x Gasteiner: "Ausgewählte Creator wurden direkt zum Soundcheck eingeladen, vor Ort haben wir gezielt Content-Touchpoints rund um die Brand geschaffen – vom Backstage bis zur Bühne." Strenggenommen fallen solche Sachen unter "geldwerten Vorteil" und sind damit auch kennzeichnungspflichtig, zumal in diesem Fall noch die Ebene einer Produktwerbung für Mineralwasser dazu kommt.
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Eine weitere Person, mit der wir sprechen, stellt ebenfalls in den sozialen Medien Songs vor, gleichzeitig arbeitet sie bei einer Agentur, die sich um Social-Kampagnen für Musiker*innen kümmert. Sie kennt beide Seiten und erklärt, sie habe auf ihrem TikTok-Kanal schon Musikplacements angenommen, allerdings nur welche, die auch zu ihr und ihrem Geschmack passen. Auch auf der anderen Seite des Tisches ist ihr das wichtig: "Aktuell gehen Kampagnen oft auf Micro-Creator mit Reichweiten um die 30k Followern und etwa Tausend Views auf den Videos. Die werden viel gebucht, weil sie bezahlbar sind und weil es authentische Fans sind. Man scoutet also Leute, die das wirklich hören." Soweit, so klar, doch auch hier ist Transparenz ein schwammiges Thema. Die Person erklärt, dass teilweise schon in den Briefings und Anfragen darüber verhandelt wird: "Als ich vor drei, vier Jahren angefangen habe, Influencer*innen für Werbung einzubuchen, war das noch im Graubereich und man durfte sagen: 'Wir empfehlen es, ohne Kennzeichnung zu posten, weil es dann besser ankommt'. Der Algorithmus drosselt auch Videos, in denen AD oder Ähnliches steht. Creator ab einer gewissen Größe kennzeichnen das schon fix, aber bei kleineren bin ich mir gar nicht so sicher." Aktuell würde in der Agenturwelt viel über das Thema diskutiert.
3. Misstrauen gegenüber Musikjournalismus?
Verdeckte Platzierungen und Kooperationen beschränken sich also nicht nur auf Radio-DJs der Vergangenheit – Musikcreator sind fleißig an der Fortführung dieser "Tradition" beteiligt. Aber bevor wir uns jetzt von oben herab äußern, weil wir ja zum "seriösen Musikjournalismus" zählen: Auch hier hat Werbung eine undurchsichtige Geschichte. Dabei ist die Beziehung zwischen Musikjournalismus und Musikbranche schon immer von wechselseitiger Abhängigkeit geprägt. Allerdings kommt die Befangenheit seltener durch direkten Meinungskauf, sondern ist weitaus vielschichtiger. Auch der*die von uns befragte Creator*in gibt zu: "Ich habe teilweise besser über Artists geschrieben oder Themen angenommen, wenn das Label oder die Agentur noch Artists hat, an die ich unbedingt rankommen wollte. Bedeutet: Ich hab auch da das Gefühl, dass es manchmal nicht so unabhängig war und man sich nie ganz frei davon machen kann."
Gerade als kleines, selbstständiges Medium ist das eine Dynamik, die Berichterstattungen beeinflusst. Gute Beziehungen zu Promoter*innen können helfen, dass nicht allein die Absatzzahlen und Reichweiten darüber entscheiden, wer bei heißbegehrten Artists einen Interviewslot bekommt. Eine weitere Person, die bereits in verschiedenen Redaktionen und Chefpositionen arbeitete, erklärt, dass "im Idealfall immer ein gewisser Respekt auf beiden Seiten vorhanden war: Labels haben verstanden, dass Musikmagazine sich die Themen picken, die sie spannend finden, im Gegenzug haben die Musikmedien auch gemerkt, wenn der Erwartungsdruck auf einem Thema beim Label groß war und man dann nicht nur die Anzeige hat buchen lassen, sondern auch noch ein Interview machte, damit man beim Label einen gut hatte und man dann vielleicht bei einem Act, der sich rar macht, bessere Chancen hatte, ein Interview zu kriegen."
Damit spricht er einen wichtigen Hebel an: die Anzeigen. Denn blättert man durch die einschlägigen Musikmagazine, findet man viele Anzeigen für Konzerte und Alben. Die Person beschreibt weiter: "[Man hat] natürlich Themen von Labels und Konzertagenturen drin, die Anzeigen buchen und die Medien damit am Leben halten. Da behält man im Auge, dass man von diesen Partnern immer wieder mal die Themen drin hat, die man gut und vertretbar findet." Auch Musikjournalist Torsten Groß, ehemaliger Chefredakteur der Spex und freier Autor beim Rolling Stone, erklärt mir, dass hier über Eck einiges läuft: "Was ich auf jeden Fall oft erlebt habe: dass Label XY eine große Anzeige geschaltet hat und dafür automatisch eine Titelstory erwartet hat. Wenn die dann nicht kam, wurde sich bisweilen beschwert."
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Torsten sagt aber auch: "Es gibt und gab Magazine, bei denen du eins zu eins unverbrämt eine Titelgeschichte einkaufen konntest. In den Redaktionen, in denen ich war, also vor allem Spex und Rolling Stone, ist es anders gehandhabt worden: Wenn die Redaktion sich für einen Titel entschieden hatte, ist die Anzeigenabteilung auf die jeweilige Plattenfirma zugegangen und hat die Titelgeschichte als Argument für eine Anzeige genutzt." Auch die Erfahrungen der anderen Person belegen eher diese Reihenfolge: "Bei den Magazinen, für die ich gearbeitet habe, lief es wenn immer so, dass man gesagt hat, man mache ein Thema so und so groß im Heft, und dann gefragt hat, ob es dafür Marketingbudget gibt. Es kamen zwar immer wieder Anfragen, was ein Cover kostet, aber so lief das nie, das man es 'gebucht' hat." Die Bezahlung von Themen ist also im klassischen (Print-)Musikjournalismus nicht ganz so direkt, weswegen Artikel dort nie als Werbung gekennzeichnet werden, obwohl klar ist, dass Abhängigkeiten, Erwartungshaltungen und Deals existieren, die man auch als Fundament dafür sehen kann, wie das Musikmarketing nun weiterzieht.
4. Misstrauen gegen neue Musikmedien!
Zwei Fälle, die YouTube-Musikkritiker Antony Fantano transparent gemacht hat, bringen das komplexe Verhältnis aus Musikmarketing, Musikinfluencer*innen und Musikjournalismus nun noch mehr ins Wanken: Auf dem neuen The-Strokes-Album befindet sich ein Diss gegen Fantano – nicht der Rede wert, die Sache war blitzschnell im Internetrauschen verschwunden. In einem Video berichtet Fantano allerdings, dass die Marketingagentur YTK Media anderen Musikinfluencer*innen Geld für Reactionvideos auf diesen Diss geboten habe. Laut Screenshots schreibt YTK, dass diese Videos "KEINERLEI Parteiergreifen für Fantano und KEINE negativen Äußerungen über The Strokes" beinhalten sollen. The Strokes wissen wohl von nichts, die Auftraggeber und ihre Motivation sind nicht nachzuvollziehen. Der Internetauftritt von YTK Media wirkt auf den ersten Blick allerdings legitim. In ihren Angeboten wird "Customized Narrative" aufgelistet. Genau das ist erstaunlich daran: YTK geben hier ein komplettes Narrativ vor. Nur Wochen zuvor hat Fantano bereits als Reaktion auf die obige NPR-Recherche eine ähnliche Anfrage auf seinem Kanal geteilt, in der die Marketingagentur Hiveminds ein vorgefertigtes Narrativ an Musikinfluencer*innen und -kanäle verkaufen wollte. Die aktuelle Tour von Lily Allen sollte in ein spezifisches Framing gepackt werden, das der Fankritik an den Auftritten den Wind aus den Segeln nimmt.
Hier sollen Wahrnehmungen noch stärker und undurchsichtiger verschoben werden, als wir das im Endzeitkapitalismus und Werbezeitalter und sogar nach dem Chaotic-Good-Aufschrei ohnehin schon erwarten. Dass ganze Erzählungen gesponnen und dann von mehreren Kanälen an die Öffentlichkeit gepusht werden, um Albumverkäufe anzukurbeln, Streamingzahlen zu beeinflussen oder berechtigte Kritik von Fans zu steuern und zu kontrollieren, übersteigt alles, was wir Anfang April so heiß diskutiert haben. Denn nun ermöglicht ein hohes Marketingbudget nicht nur das Orchestrieren von Trends, sondern auch die gezielte Beeinflussung von Wahrnehmung und Verhalten durch die Verbreitung spezifischer Meinungen und Interpretationen mehr denn je und das gleich auf verschiedenen Wegen über verschiedene Kanäle.
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Wo stehen wir? Ein gewisses Level an Schummelage und Verschiebung was die Themenplatzierungen in Musikmedien angeht, gab es schon immer, doch in den letzten Monaten zeigt sich, wie sich das Musikmarketing im Internet zum Wilden Westen aufgeschwungen hat, obwohl die Gesetzeslage eigentlich unmissverständlich ist.
Ein zusätzliches Problem in diesem Nebel: Während ich in diesem Text Musikjournalismus und Musikinfluencer*innen fein säuberlich getrennt habe, ist das in der Realität nicht mehr möglich. Denn Musikjournalismus ist gezwungen, in den sozialen Medien stattzufinden, und verändert sich zunehmend. Musikmedien binden sich immer stärker an Autor*innen und ihre Onlinepräsenz. Wir sind da das beste Beispiel: Im Podcast, auf der Bühne und, ja, auch bei Social Media treten wir als wir in Erscheinung – ZWISCHEN ZWEI UND VIER, das sind nun mal Rosalie und Melanie.
In der Theorie erfüllen Musikjournalismus und Musikinfluencer*innen grundlegend verschiedene Rollen. Die einen verstehen sich eher als Empfehler*innen, die anderen sollten kritisch berichten, nachhaken und den Kontext von Industrie und Machtdynamiken berücksichtigen und erklären. Aber weil es Musikinfluencer*innen gibt, die diesen journalistischen, kritischen Anspruch haben, und Musikmedien existieren, die sich auf Empfehlungen und Kuration fokussieren, existiert keine klare Linie. Ein aktuell noch relevanter Unterschied ist, dass Musikmagazine eine Marke sind und sich als Redaktion verstehen, während Musikinfluencer*innen Einzelpersonen sind, die im besten Fall so authentisch sind, dass ihre Motivation im Spaß an der Sache selbst zu liegen scheint. Doch auch hier wird die Durchdringung des jeweils anderen Bereichs stärker.
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Einen essentiellen Treiber des Ganzen haben wir noch gar nicht angesprochen: eine solche Kooperation abzulehnen, muss man sich leisten können. Musikmagazine und Musikjournalist*innen schwimmen nicht im Geld, und wenn es weitergehen soll, ist man bisweilen gezwungen, in den ein oder anderen sauren Apfel zu beißen. Als Musikinfluencer*in bist du davon abhängig, dass du ausgespielt wirst und dass der Content fließt. Das sind keine Rechtfertigungen, nur Erklärungen, warum diese Methoden auf fruchtbaren Boden fallen.
Was ist Werbung, was ist echt? Wer ist Musikjournalist*in, wer ist Musikinfluencer*in? Das alles vermischt sich von Tag zu Tag mehr und die großen Player der Musikindustrie wissen das offenbar für sich zu nutzen. Es scheint, als wäre es spielend leicht, sich über die bestehenden Gesetze und Regelungen hinwegzusetzen, wenn platzierte Songs und agenturbetriebene Profile ohne Kennzeichnung agieren und sich schon so sehr als neuer Marketinghebel etabliert haben. Vielleicht fühlt sich das alles so doll an, weil es sich in unseren Feeds abspielt, die wir dann ja doch immer noch irgendwie für privat halten? Oder weil gezielt die parasozialen Beziehungen genutzt werden, um ein so emotionales und identitätsstiftendes Thema wie Musik zu pushen?
Die Lösung kann natürlich nicht sein, dass wir ab jetzt allem Misstrauen und Erfolg prinzipiell für einen Scam halten. Es braucht klare Plattformleitlinien, Konsequenzen und Transparenz. Und weil das wahrscheinlich noch lange Wunschdenken bleibt, müssen Creator und Journalist*innen ihre Verantwortung ernst nehmen und Fans lernen, genauer hinzuschauen – und gerne auch mal nachzufragen.
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Danke, dass ihr den ganzen Text gelesen habt! Das ist krass und bedeutet uns viel! Auch wir überlegen jeden Tag, wie wir die Monetarisierung von ZWISCHEN ZWEI UND VIER organisieren, ohne unglaubwürdig zu werden (Spoiler: Das geht nur mit euch.). Wir würden uns freuen, wenn ihr auf diesen Link klickt und euch dort mal umschaut.
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Das war's für heute. Rosie ölt ihre Blockflöte, denn am 15. September kommt Alice Costelloe für ihr einziges Deutschlandkonzert nach Berlin. Das wird ein ZWISCHEN-ZWEI-UND-VIER-Betriebsausflug – schließlich haben wir sowohl im Newsletter als auch im Podcast breit über das Debütlbum der flötenden Britin geschwärmt. Melanie hat die Arbeitshandschuhe eingepackt, denn sie wird zum Wohle aller verhindern, dass Rosie die Bühne zum Mitflöten stürmt und Rosie wie ein ausreißendes Frettchen am Nacken packen, sollte das passieren. Allein für dieses Schauspiel solltet ihr ebenfalls kommen. (Unbezahlte Werbung, weil Rosie persönlich drangelegen ist, dass die Show nicht wegen zu wenig Tickets abgesagt wird.)
Nächsten Mittwoch hören wir uns im Podcast. Die nächste Mail-Ausgabe ZWISCHEN ZWEI UND VIER kommt am 23. September. Hast du dich gut unterhalten gefühlt, was gelernt oder neue Musik entdeckt? Schmeiß was in unsere Paypal-Kaffeekasse oder:
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