17. Juni 2026
Ausgabe #121 Alles, was ihr nie über Musik wissen wolltet von Melanie Gollin und Rosalie Ernst. Das hier ist euer Musikmagazin fürs Mailfach, alle 14 Tage zwischen zwei und vier Themen. mehr erfahren
|
|
|
|
Heute: Einige Artists geben viel Geld für Marketingagenturen aus. Könnte man dieses Geld nicht einfach den Fans geben und die machen dann Werbung? Außerdem: Die besten Songs mit Mundharmonika drin. Und: Was hilft, wenn man als kreative Person entmutigt und überfordert ist? Wir lassen uns coachen und euch gleich mit.
An dieser Stelle begrüßen wir unsere neuen Unterstützer*innen Tim, Thomas und Romeo. Ihr Sommersöhne! Komm auch du in unsere Community! Mach unsere Arbeit langfristig möglich, sichere Medienvielfalt und hilf uns dabei, der Musikbranche ans Bein zu pinkeln! Aktuell sind wir 127 Leute bei Steady. Unser Ziel für 2026 sind 222 Mitglieder.
|
ZWISCHEN ZWEI UND VIER gibt's übrigens auch als Podcast.
|
In der aktuellen Folge: Bitte lasst uns in Ruhe Eis essen! Dann verraten wir euch auch, welches Kinderlied wir immer noch lieben, aber textlich dringend aktualisieren müssen. Und: Rosie war auf dem Mundharmonika FEN Festival und hat eine Reportage (ihre erste Audioreportage!) über die Anziehungskraft des kleinen Blasquaders mitgebracht.
Überall, wo ihr Podcasts hört.
|
Unlängst kam heraus, dass einige Bands und Labels Marketingfirmen beauftragen, die das Internet mit organisch aussehendem Content zu neuen Musikveröffentlichungen fluten sollen. Nicht jede*r hat das Geld, solch eine Marketingkampagne zu fahren. Aber manche haben freche Ideen. – Melanie
Im März haben wir mal wieder schmerzlich gecheckt: Geld regiert auch die Indie-Welt. Ein Interview mit der Agentur Chaotic Good hat für die breite Masse aufgedeckt, dass vieles, was wir im Internet sehen, sorgfältig orchestrierte Werbung ist. Firmen erstellen tausende Profile und posten sich wund. Die Rechnung ist einfach: je mehr Accounts vermeintlich User-generierte Videos mit einem neuen Song veröffentlichen, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sowohl echte User als auch der Algorithmus und Journalist*innen die schiere Masse für einen echten Hype halten. Boom, aus dem falschen Hype wird tatsächlich ein echter.
Daraus bastelt der New Yorker Indie-Musiker Blaketheman1000 jetzt einen PR Stunt: das Geld, das er für eine Marketingfirma ausgeben würde, zahlt er seinen Fans direkt. Wer ein Insta-Video zum neuen Song "2 Dollar Bill" macht, bekommt 10 USD von ihm*. Einfach einen Slot in diesem Formular buchen, Videolink reinkopieren und das Geld kommt via Venmo (sowas wie Paypal). Die Slots sind begrenzt (zum Zeitpunkt des Newsletteraussands waren es 140), mitmachen können US-Accounts ab 1.000 Followern.
Warum das cool ist: diese Videos werden Blaketheman1000 wahrscheinlich nicht zur Viralität verhelfen, die Aktion selbst schon eher (ihr würdet hier weder vom Song noch vom Artist lesen, wenn es die Aktion dazu nicht gäbe) das Geld geht an Menschen und nicht an eine Marketingagentur oder Meta; die Idee, Marketingbudgets an Fans statt an Konzerne zu geben, sollten wir mal weiterdenken…
Wer von euch macht das als erstes nach?
|
|
Mundharmonikaspieler Paul Harrington (ihr werdet gleich noch von ihm lesen) sagt: "Meiner Meinung nach braucht alles ein Mundharmonika-Solo. In jedem Musikstück, in jedem Orchester fehlt eine Mundharmonika." Steile These, aber nachdem Rosie für unseren Podcast beim Mundharmonika FEN Festival war, sind wir im Mundharfenfieber und können Harrington nur beipflichten. Warnung: Wenn man einmal drauf achtet, hört man die Mundharmonika immer und überall raus. Hier sind unsere Lieblingslieder mit Mundi.
|
|
Wenn Paul Simon einen furchtbar traurigen Song in der Rolle eines Baseball-Kommentators schreibt, muss die Trillerpfeife durch eine Mundharmonika ersetzt werden. Hier spielt sie der Belgier Toots Thielemanns. Er ist eine internationale Legende der Mundharmonikaspielerei. Toots war großer Solist, spielte aber auch mit Charlie Parker, Miles Davies und Dinah Washington, hat zahlreiche Soli für andere Bands komponiert und eingespielt und ist vor allem im modernen Jazz eine richtig große Nummer. Natürlich kommt von ihm der Sesamstraßen-Song. Sein Stil ist sehr klar und sauber. Meist hört man bei ihm nur einzelne Noten und gerade in "Night Game" zeigt er, wie herzzerreißend der Klang der Mundharmonika sein kann.
Dass die Gothic-Country-Mutter zur Mundharmonika greift, ist irgendwie naheliegend. Sie passt ganz wunderbar in ihre rudimentären Bilder der südamerikanischen Tristesse. Ich sehe direkt, wie sie das Instrument in dem verlassenen "House in Nebraska" aus der Tasche zaubert und ein bisschen spielt. Im Hintergrund der ersten Strophen von "Thoroughfare" sowie verbindend zwischen dem Refrain und dem zweiten Teil des Titels hört man die Mundharmonika ganz zärtlich (ja, das geht auch). Cain spielt die Mundi natürlich selbst.
Auf dem gesamten Album JAGGED LITTLE PILL gibt es immer wieder Mundharmonikasolos – Morissette hatte hier so eine richtige Phase. Bei diesem Hit zum Beispiel ist sie eigentlich bei jedem Zwischenspiel das Highlight. Dass Alanis Morissette hier etwa unsauber bläst, macht die Sache verspielt und gibt ihren ausproduzierten Songs DIY-Spirit. Speziell dieser Titel erhält dadurch seine Leichtigkeit.
Was für ein Hit! Die meisten haben hier wahrscheinlich die vielen Harfen-Brrrrrrims im Kopf, aber es gibt ein herausragendes Mundharmonikasolo in diesem Song. Wer es geschrieben hat? Stevie Wonder, aka Mundharmonikafan N°1. Im Musikvideo spielt ein kleiner Junge im Engelskostüm das Solo, auf Tour übernimmt momentan Indiara Sfair (mit der wir auch in unserer Mundharmonika-Reportage gesprochen haben) den Job.
Der Song ist wild und unsauber, wie man es von The Libertines kennt, und wenn ein Titel schon mal über Tisch und Bänke geht, kann man am Ende auch nochmal mit allem verbleibenden Schwung in eine Mundharmonika blasen. Hier ist wirklich alles auf Anschlag, aber genau das ist ja auch der Vibe. Vielleicht sollte man sich eine Mundharmonika am Schlüsselband holen und bei einem Libertines-Konzert zücken – bei diesem Song kann man auch mit verspielten, schluderigen Tönen nicht viel falsch machen, oder?
Im Intro von diesem Meisterwerk der unaufgelösten, spannungsvollen Harmonien, spielt ein Akkordeon oder eine Mundharmonika. Das ist ein bisschen schwer zu sagen, denn beide Instrumente basieren auf dem selben Stimmzungenmechanismus. Am Anfang erinnert das Spiel eher an einen Tastenanschlag, eben wie bei einem Akkordeon. Nach dem ersten Chorus allerdings bin ich mir schon sicherer, dass es sich bei den akzentuierten Tönen um eine Mundharmonika handelt. Das klingt nach menschlicher Luft und Spucke und absolut schaurig.
Frisch aus dem Ofen. Schade, dass die Albumversion so viel weniger Mundharmonika bietet als die Liveversion, denn die Melancholie des autobiographischen Textes wird so wunderbar von ihrem sehnenden Klang unterstrichen. Wenn ihr Jack Antonoff aus irgendeinem Grund keinen Cent Streamingeinnahmen gönnt, könnt ihr einfach "Just Don't Wanna Be Lonely" von Blue Magic hören. "the van" ist eine 1:1 Kopie dieses 70er-Songs, das Original nutzt aber ein Saxophon statt einer Mundharmonika.
Sie kommt spät, aber sie kommt. Als einer von zwei Songs mit Mundharmonika auf dem Blauen Album (der andere ist "The Garage"), ist "My Name Is Jonas" – ohne Zweifel einer der besten Albenopener aller Zeiten – auch ein Fall für diese Liste. Die Leise-Laut-Dynamik und der damit verbundene Wechsel zwischen Akustikfeeling und animalischen Gedresche auf die Drums wirbelt alles auf, und dann zwirbelt sich die Mundharmonika im letzten Moment einmal durch den Proberaum.
Pauls Jets – Obstbaumwald (2022) Wie immer: Keine Ahnung, wovon Pauls Jets hier singen. Es muss jedoch was Trauriges sein, das sagt uns die Mundharmonika.
Es ist schon iconic, wenn man irgendwo reinkommt, und das Mundharmonikasolo von "Piano Man" spielen kann. Aber dieses hier, mit der klassischen Country-Hillbilly-Aura von "Cotton Eyed Joe"? Wenn da nicht sofort der Tequila fließt, fressen wir 'nen Besen. Die Melodie ist allerdings geborgt, das Original kommt aus den 70ern von einem Song namens "San Francisco Bay". Für "Timber" wurde das Solo von Paul Harrington eingespielt, der nach eigenen Angaben eine Einmalzahlung von 1.000 $ und keine Tantiemen dafür bekommen hat. Wenn man bedenkt, was für ein Hit "Timber" war, ist das ein ziemlicher Schnäppchenpreis.
Ist das moderne "Piano Man", change our minds.
|
|
Es ist so fucking viel, für ZWISCHEN ZWEI UND VIER Texterin, Managerin, Buchhaltung, Content Creator, Community Management, IT und Marketing in Personalunion zu sein. Oft macht uns dieser riesige Berg Arbeit vor lauter Überforderung (und der Erkenntnis, dass wir uns diesen Monat trotzdem wieder nichts auszahlen können) bewegungsunfähig. Das kennen sicher auch viele Musiker*innen. Jemand, der in solchen Fällen hilft, ist Martin Hommel. Als systemischer Coach für Kreative sagt er STOP IN THE NAME OF LOVE, wenn wir vor lauter Vergleichen und obsessivem Checken von Vanity Metrics unsere Erfolge nicht mehr sehen.
Für uns und euch hat er mal aufgeschrieben, was in solchen Situationen hilft – und was ganz sicher nicht. – Gastbeitrag von Martin Hommel
Du bist Musiker*in, Künstler*in oder arbeitest in der Kultur und hast das Gefühl, alle anderen kriegen es besser hin als du? Perfekt! Hier sind 5 Dinge, die du jetzt tun solltest, damit es noch schlimmer wird:
Achte bitte darauf, jeden Erfolg sofort zu relativieren. Die halb ausverkaufte Tour? Glück gehabt. Der gute Festivalslot? Kontakte. Die nette Nachricht nach dem Auftritt? Die Person kennt halt nicht genug andere Musik.
Feiere auf keinen Fall, was du bereits geschafft hast. Das führt nur zu Zufriedenheit und damit erfahrungsgemäß direkt in die kreative Bedeutungslosigkeit. Vergleiche dich lieber regelmäßig mit Menschen, die mehr Streams, mehr Follower, mehr Geld, bessere Kontakte oder schönere Pressefotos haben.
Verbringe möglichst viel Zeit allein mit deinen Gedanken. Und wenn du dich schon mit anderen austauschst, dann bitte nur online und ausschließlich mit deren Highlight-Reels.
Solltest du trotzdem auf die Idee kommen, stolz auf etwas zu sein, erinnere dich daran, dass die Welt brennt, Kulturförderungen gekürzt werden, Mieten steigen, der Algorithmus macht, was er will, und die politische Lage eine schlecht geschriebene Dystopie ist.
Hinterfrage aber vor allem niemals die Stimme in deinem Kopf, die sagt: "Du bist zu sensibel, zu chaotisch, nicht diszipliniert oder einfach nicht belastbar genug." Sie hat auf jeden Fall Recht!
Genau so landen viele Musiker*innen und Kreative an dem Punkt, an dem sie gar nichts mehr machen. Nicht, weil ihnen die Ideen ausgehen. Sondern weil sich irgendwann alles scheiße anfühlt.
|
|
Kennst du? Aufgepasst:
Vielleicht liegt das Problem gar nicht dort, wo du es vermutest. *vinyl slow down Geräusch*
Im Coaching erlebe ich Menschen, die sagen: "Ich muss einfach irgendwie produktiver werden." Und eine Stunde später stellen wir fest, dass das Problem nicht mangelnde Produktivität oder Disziplin ist. Sondern dass jemand seit Jahren versucht, immer noch mehr zu machen, weil das Gefühl, nicht genug zu sein, sich erstaunlich gut als Produktivitätsproblem verkleiden kann. Das ist für viele erstmal irritierend. Als Menschen suchen wir gerne nach der einen Ursache, der einen Stellschraube. Nach dem einen Defizit, das wir endlich beheben müssen. So funktionieren wir aber selten. Wer über Disziplin sprechen möchte, landet manchmal beim Selbstwert. Wer über Karriere sprechen möchte, plötzlich bei der Familie. Wer über Kreativität sprechen möchte, bei Angst.
Eine Musikerin sagte einmal zu mir: "Ich kriege gerade gar nichts mehr hin. Alle anderen ziehen an mir vorbei. Ich muss irgendwie produktiver werden!" Produktiver werden, noch mehr machen… das klingt wie die Lösung. Mich interessiert aber erstmal etwas anderes: Wer sind diese "anderen"? Seit wann fühlt sich Musikmachen wie ein Wettrennen an? Was ist eigentlich gerade gut? Und was passiert, wenn man mal nicht performt?
Oder jemand sagt: "Eigentlich läuft es ganz gut. Ich kann mich aber überhaupt nicht darüber freuen." Dann sprechen wir nicht über Erfolg, sondern darüber, warum jede erreichte Etappe sofort vom nächsten Ziel überschrieben werden muss.
Oft stellt sich heraus, dass es gar nicht um fehlende Produktivität, Belastbarkeit und mangelnde Disziplin geht. Sondern um Druck, Unsicherheit und darum, den eigenen Wert komplett an Sichtbarkeit oder Erfolg gekoppelt zu haben. Und allein diese Erkenntnis verändert schon etwas. Nicht, weil das Problem verschwindet. Sondern weil plötzlich neue Handlungsmöglichkeiten entstehen. Manchmal zeigt sich das dann erstaunlich unspektakulär: Der eine Song wird fertig. Die eine Mail wird verschickt. Das schwierige Gespräch wird geführt. Die Entscheidung getroffen, die seit Monaten herumliegt.
|
|
Klar, das System bleibt erstmal das System. Der Algorithmus bleibt der Algorithmus. Die Branche bleibt die Branche. Arschlöcher bleiben Arschlöcher. Aber wenn sich der Blick auf die eigene Situation verändert, verändern sich oft auch die Möglichkeiten zu handeln. Und manchmal reicht genau das, damit wieder etwas in Bewegung kommt.
Ich arbeite als systemischer Coach mit Menschen aus Musik, Kultur und Kreativbranchen, weil ich diese Welt kenne. Die Unsicherheiten, die Widersprüche und die Absurdität, gleichzeitig Künstler*in, Unternehmer*in, Content Creator und Buchhaltung sein zu müssen. Ich glaube nicht, dass sich jedes Problem lösen lässt, aber:
A: Ich weiß, dass man solche Dinge nicht immer mit sich allein ausmachen muss. Und B: Ich mag es, wenn eine Person nach einer Stunde Gespräch auf eine Situation schaut, die vorher komplett festgefahren schien, und sagt: "Ach so. Daran habe ich noch nie gedacht."
Wenn ihr euch in diesem Text wiedergefunden habt und Hilfe gebrauchen könntet: Bucht euch ein kostenloses Kennenlerngespräch bei Martin. Als Leser*in von Z2U4 bekommt ihr außerdem 20% Rabatt auf euer erstes Coaching.
|
Das war's für heute. Rosie war beim Konzert von The Streets und hat eine Schlägerei in der Barschlange vereitelt. Das klingt doch wie eine Szene aus einem The Streets-Song! Melanie war auf einem kleinen Release-Konzert von Odd Beholder, musste aber direkt nach Ankunft einen heimlichen Abgang machen, weil sie sich mal wieder wie eine kauzige Beobachterin ihres eigenen Körpers gefühlt hat. Life imitates art, wie man so schön sagt.
Nächsten Mittwoch hören wir uns im Podcast. Die nächste Mail-Ausgabe ZWISCHEN ZWEI UND VIER kommt am 1. Juli. Hast du dich gut unterhalten gefühlt, was gelernt oder neue Musik entdeckt? Schmeiß was in unsere Paypal-Kaffeekasse oder:
|
|
|
|
|