Mein Bruder ist Geigenbaumeister in Marseille. In Ausgabe #107 hat er euch erzählt, wie er neue Instrumente so baut, dass sie aussehen, als wären sie 300 Jahre alt. Und dass er sich auf einen Bratschenbau-Wettbewerb vorbereitet, nämlich auf die International Lutherie Competition der Philharmonie de Paris. Vor zwei Wochen war es soweit und er hat seine Instrumente in Paris zur Bewertung abgegeben. Wie das gelaufen ist? Für uns hat er Tagebuch geführt. – Melanie
Tagebuch Oliver Gollin, International Lutherie Competition der Philharmonie de Paris 2026
Zur Erinnerung: Olli hat drei Bratschen gebaut, eine davon wurde eingereicht. Nach dem Wettbewerb fand direkt im Anschluss die dreitägige Instrumentenausstellung statt, an der er ebenfalls mit seinen Stücken teilnahm.
Mo. 12/01
Delivery day
Verlasse Marseille noch vor Sonnenaufgang, um die Bratsche für den internationalen Geigenbauwettbewerb pünktlich in der Philharmonie de Paris abgeben zu können.
Der Zug ist leer und ich genieße die 4h Zugfahrt in Begleitung meines Instruments und dem pausenlosen Kreisen meiner Gedanken um meine vollbrachte Arbeit.
Sonnenaufgang kurz vor Lyon.
Ankunft in einem kalten, feuchten und dreckigen Paris.
Habe Angst, dass die hygrometrische Veränderung zu Marseille meine Klangeinstellung am Instrument negativ beeinflussen wird.
Ankunft in der Philharmonie.
Durch den Künstlereingang reingegangen.
Fühle mich wie ein Künstler.
Durch einen Gang komme ich an geschlossenen Türen vorbei, auf denen in der Mitte einzelne Namen stehen und durch die man Menschen singen hört.
Vor dem Abgaberaum wartet ein anderer Geigenbauer. Jemand aus Toulouse, dessen Name in der französischen Geigenbauwelt sehr bekannt ist. Vor allem durch das Gerücht, dass sein Cousin (ebenfalls Geigenbauer) in Mirecourt angeblich eine Affäre mit Céline Dion hatte.
Ich bin dran mit dem Abgeben.
Packe das Instrument aus und lege es vor administrativen Personen auf den Tisch.
Ein 'Oh' oder 'Ah' bleibt aus. Es ist klar, dass die Personen neutral bleiben müssen. Hab trotzdem eine Reaktion erwartet.
Hab meine Nummer.
Draußen mache ich Bekanntschaft mit einem anderen Geigenbauer, der in Wien arbeitet. Wir sind uns sympathisch. Gehen zusammen Bier zum Mittag trinken.
16h. Steige angeschwippst in den Zug, um zurück ins 10°C wärmere, trockenere Marseille zu fahren.
Bin aufgeregt fürs Halbfinale am Samstag.
Sams. 17/01
Halbfinale
In der Métro von Paris auf dem Weg zur Philharmonie bekomme ich von einem befreundeten Geigenbauer die Nachricht, dass mein Instrument nicht ausgestellt ist. (Alle teilnehmenden Instrumente sind über den Zeitraum des Wettbewerbs im benachbarten Instrumentenmuseum ausgestellt – alle, bis auf die Instrumente, welche es ins Halbfinale geschafft haben.)
Im Saal wird viel getuschelt kurz vor Veranstaltungsbeginn.
Es beginnt. Der Kurator des Museums leitet mit einer unbestechlich lieben Art die Anhörung ein. Drei Bratschist*innen der Opéra de Paris spielen nacheinander jedes einzelne der 15 Halbfinalisten-Instrumente eine Minute an. Bei den drei Durchgängen wird Wert darauf gelegt, jeweils einmal die hohen, einmal die tiefen Töne zu betonen. Die von A bis O gekennzeichneten Klangproben füllen zur Gänze den Saal. Die Instrumente werden unter schwarzen Tüchern hinter eine schwarze Stoffwand gebracht, um die Anonymität der Bauer*innen zu wahren. Ich bin aufgeregt und finde keine Ruhe, um deutlich bestimmen zu können, welches Instrument besser klingt als ein anderes. Der dritte Durchlauf kommt zum Abschluss. Ich bin müde. Ergebnisse gibt es keine vor dem Finale.
Sonn. 18/01
Finale
Ich setze mich im Saal an dieselbe Stelle wie am Tag zuvor. Acht Instrumente kommen ins Finale. Vor Beginn werden die Instrumente hinter einem Vorhang gestimmt und Musiker*innen probieren ein bisschen auf jeder Bratsche rum. Ich sehe aus der Distanz mein Instrument in der Hand einer der Musiker der Opéra. Mein Magen verdreht sich vor Aufregung. Ich bin unter den acht besten Instrumenten von 79 internationalen Kolleg*innen.
Es beginnt. Erneut werden drei Musiker*innen nacheinander auf den Final-Instrumenten spielen. Jeweils zwei Stücke für eine Minute; einmal solo, einmal vom Piano begleitet. 2 mal 8 macht 16 mal 3 macht 48 Minuten stillsitzen und zuhören. 48 Minuten angespannt rumrätseln, ob ich mein Instrument am Klang erkennen kann. Kannste knicken. Hätte jedes von den acht sein können, ich wüsste nicht, welches meines wäre. Nach 48 Minuten ist es vorbei. In zwei Stunden ist Preisverleihung. Versuche in der Zwischenzeit bei einem Bier mit Geigenbaufreund*innen zu entspannen. Unmöglich.
Sonn. 18/01
Preisverleihung
Ich sitze erneut an dem Platz im Saal, den ich in den letzten beiden Anhörungen eingenommen habe.
Man merkt, dass alle angespannt sind. Es beginnt.
Nach zu erwartendem Trara und hundert Danksagungen, die gefühlt eine Stunde dauern, werden die Platzierungen bekannt gegeben.
Ich bin weder Bronze noch Silber noch Gold. Schade. Aber trotzdem geil.
Auf der Bühne sind jetzt alle Instrumente ausgestellt, und wir können uns alle untereinander austauschen. Viel Gewusel. Mittelstarker Lärm. Mir brummt der Schädel. Bin glücklich.
19-21/01
Postexpo der International Viola Convention
Stelle meine drei Instrumente, die ich für den Wettbewerb gemacht hab, in Paris aus. Drei Tage in einem Saal, wo stundenlang mehrere Instrumente gleichzeitig ausprobiert werden. Man muss sich anschreien, um zu kommunizieren, da der Geräuschpegel teils über 90 Dezibel ist.
Gefühlte hundert Profimusiker*innen spielen meine Instrumente an und geben mir mehr als zufriedenstellendes Feedback.
Do. 22/01
Vorbei
Sitze heiser und taub mit nur einem meiner drei Instrumente im Zug Richtung Meer. ;)