Heute: Habt ihr das Debüt von ALT BLK ERA verpasst? Kein Problem, wir holen das nach. Dazu: Gastautor Dirk von Gehlen liefert eine Liebeserklärung an den Musiker*innen-Newsletter. Außerdem: ein Musikvideo, das ihr dringend gucken müsst. Und: Warum sind Fanklub-Services so fantasielos?
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Man kann noch so gut informiert sein, irgendein Album rutscht immer durch. Aber keine Sorge, wir passen auf euch auf und stellen euch heute noch mal eine Platte vor, die bereits ein Jahr alt ist. Welches andere Musikmagazin würde das machen? Keins. Genug von uns: Kennt ihr ALT BLK ERA?– Melanie
Das Schwesternduo Nyrobi und Chaya Becket-Messam aus Nottingham hat im Januar 2025 sein Debütalbum RAVE IMMORTAL veröffentlicht, unter viel Hype und Superlativen. Zumindest in UK, hierzulande hat man davon wenig mitbekommen. Frevel!, rufen wir. RAVE IMMORTAL ist ein Jawbreaker aus Nu Metal, Rave, Emo-Pop und klingt stellenweise mehr nach Tokio Hotel, als es Tokio Hotel je taten.
Entdeckt hab ich ALT BLK ERA über ihre Single "My Drummer’s Girlfriend", die im Universum der Band ein relativ unspektakulärer, obwohl sehr witziger Alt-Rock-Song darüber ist, dass man nicht mit jedem befreundet sein muss. Es gibt ein Rework zusammen mit Wheatus (genau, die mit "Teenage Dirtbag"). Unspektakulär ist er im Vergleich trotzdem, weil er wenig vom Wahnsinn erzählt, der sonst so auf dieser Platte los ist. Ich hänge euch mal folgenden Wurm an meinen Angelhaken: Evanescence x The Prodigy.
RAVE IMMORTAL ist das Einatmen nach einem langen Vakuum, ein Exzess, für den man einen hohen Preis zahlen musste – nicht nur für die Hörer*innen. Nyrobi erkrankte während der Pandemie am Chronic Fatigue Syndrom (ME/CFS) und die Lyrics und Energie der Platte speisen sich aus ihren Erfahrungen mit zerstörerischer Erschöpfung und dem Gefühl des Alleingelassenwerdens. Aber auch aus dem unbändigen Übermut, der in den Nächten, in denen sie genug Kraft hat, über sie schwappt.
Es ist eine extrem zugängliche Platte, weil sie an vielen Stellen an Bekanntes erinnert. Derartiges Ungestüm kann aber nur jetzt und in der Synthese all dessen entstehen (Was soll das denn heißen, sind wir hier bei der Spex, oder was?). Gerade teasen ALT BLK ERA eine neue EP, die im Mai erscheint. Sobald ihr euch ins Album reingearbeitet habt, kommt also schon neues Material. Dann mal los!
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Dirk von Gehlen ist hauptberuflich im Internet unterwegs und wer seine Texte kennt, wird sich sicher sein: er sieht alles. Und ordnet dann aktuelle Internetphänomene auf eine Weise ein, die auch uns manch Verknäultes verstehen lassen. Hier möchte er sich heute für eines seiner Lieblings-Onlinemedien starkmachen: den Artist-Newsletter. – Gastbeitrag
Ich mag Newsletter. Denn ich bekomme gerne Post. Für Leser*innen dieses Newsletters hier ist das kein Geheimnis: Newsletter sind im besten Fall Post von jemandem, die oder den man echt gut findet. Dank Newslettern bekomme ich z.B. Post von Nick Hornby oder Spaceman Spiff (alias Hannes Wittmer). Da ich das Format so sehr mag, dass ich ständig davon rede, werde ich häufig von Musiker*innen gefragt, wie das denn geht: einen guten Newsletter schreiben? Deshalb hier der Versuch einer Antwort:
Der Beste ist recht schwer zu finden. Aber die Mühe lohnt sich. Die jüngste Folge, die ich in meinem Posteingang finde, beginnt mit "Liebes Volk, liebe Strausssilvia, lieber Schoberklaus". Und schon an der Anrede kann man erkennen, warum der Autor und Musiker Richard Oehmann ein Held der Newsletter-Schreiberei ist: Er nimmt das Thema angemessen wenig ernst. Richard Oehmann* schreibt einfach eine Mail – die außer mir auch ein Klaus Schober oder eine Silvia Strauss lesen (könnten). In Bayern, und diese Post kommt aus Bayern, spricht man die aber niemals so an, sondern stets den Nachnamen vor dem Vornamen.
Ist doch klar.
Ich könnte jetzt darüber philosophieren, wie hier schon in der Anrede der Ton der Community gesetzt ist (Durch die konkrete Ansprache entsteht der Eindruck der persönlichen Bekanntschaft, die eine gemeinschaftliche Vertrautheit entstehen lässt, die durch den bayerischen Zungenschlag noch gefestigt wird), aber das ist eben das Gute an diesem Newsletter: Er begibt sich nie auf eine Meta-Ebene. Er ist einfach.
Bestellen kann man ihn, wenn man an servus@richardoehmann.de eine Mail schreibt. Und dann bekommt man unregelmäßig Informationen über die Auftritte des Musikers und Autors, man erfährt, wo sein unter bayerischen Eltern zurecht unfassbar populäres Kasperltheater auftritt und manchmal auch, wer gerade eine Wohnung sucht oder einen Ausbildungsplatz.
Dieser Newsletter ist wie ein kurzes Gespräch bei einer halben Bier im Baadercafe in München – ich schreibe das mit Absicht so hochdeutsch-dialektfalsch, um zu vermitteln, was der Zauber ist: Hier will niemand eine Rolle ausfüllen und alles richtig machen. Hier geht es einfach darum zu erzählen, was gerade so ansteht.
Genau so wünsche ich mir Newsletter von meinen Lieblings-Musiker*innen. Das muss nicht immer in einen Willibecher passen, aber es darf diese Haltung ausstrahlen: beiläufig beim Bier – wie eine Ansage zwischen zwei Songs. Dafür komme ich auf das Konzert; die Musik kenne ich ja meist schon. Deshalb: bitte liebe Musiker*innen, verschickt Newsletter, die zu euch passen. Wir sind ja Fans von Euch!
*mehr über Richard Oehmann auf seiner Website und Anfang März beim so genannten Singspiel auf dem Münchner Nockerberg, hier ist er Autor und Regisseur
ZWISCHEN ZWEI UND VIER empfiehlt diese Musik*innen-Newsletter:
briefe von rahel – Rahel schreibt über Wild und die Welt, teilt Gedanken über den Alltag und die je nach Tag anstrengende oder urschöne Musikmachrealität in ihrer ihr so eigenen Sprachpoesie. Auch ein Gedicht ist mal dabei.
Rachel Chinouriri hat eine Zeit lang sogar handgeschriebene Briefe an Menschen, die etwas an ihr Postfach geschickt hatten, geschrieben –mit Wachssiegel und allem drum und dran. Ihr Newsletter hat einen ähnlich physischen Touch: Mit analogen Fotos, Scans ihres Tagebuchs oder Stickern sind die Emails gestaltet. Im Herbst 2024 hat sie einen Journal-Club gestartet und öfter Impulse fürs Tagebuchschreiben geteilt.
COMMUNITY AUFGABE Welche Newsletter von Musiker*innen empfehlt ihr und warum? Wir sammeln eure Antworten und bringen die Liste in einer der nächsten Ausgaben.
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Wusstet ihr, dass in der Ukraine immer noch Krieg ist? Zynische Frage? – Melanie
Und doch treten jeden Tag neue, absolut irre Krisen (Euphemismus) auf, die die bestehenden Krisen in den Hintergrund rücken lassen. Denn auch hier gilt: Das Neueste ist das Aufregendste und das Aufregendste bekommt unsere Aufmerksamkeit. Und wenn das Neue nur lange genug dauert, gewöhnen wir uns daran. Fragt mal die Klimakrise.
In der Ukraine ist immer noch Krieg, fast vier Jahre schon. Und da soll eure Aufmerksamkeit mal kurz diesem Stück Musik und vor allem dem dazugehörigen Video gelten, das der belgische Produzent Apashe zusammen mit der ukrainischen Sängerin Alina Pash geschaffen hat. Das Stück beruht auf einem ukrainischen Frühlingslied.
“This project was filmed in Ukraine during the war. The choir was recorded on a calm day, between nights of air raids and shelling. As I'm writing this, Kyiv is in a blackout.
This city has always meant a great deal to me, and I hope this video can, in one way or another, help people understand what is happening there.”
Das Video macht eine eigentlich ganz einfache Aussage. Es dauert 2:50 Minuten. Die habt ihr.
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In der Ukraine ist immer noch Krieg. Und in Gaza, im Iran, im Kongo… Meine Heizung ist warm, das Schokoladenpapier knistert.
"The line between 'here' and 'there' is thinner than you think."
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Wie erreicht man seine Fans? Eine Frage, so alt wie die Popmusik. Mit dem Comeback des Newsletters als Kommunikationsmittel im Bandalltag ist auch der Fanclub ein bisschen mehr zurück ins Zentrum der Publikums-Experience gewandert. Die Firma Cirkay bringt nun den Fan Pass in Umlauf, der klassische Online-Inhalte mit der Möglichkeit verknüpft, auch auf Konzerten und ortsabhängig exklusive Zugänge zu bekommen. Auf dem Potential habe ich mal rumgedacht, und bin zu dem Schluss gekommen: Cirkay zeigt, dass auch diese Super-Fan-Tech-Company leider keinerlei Fantasie für nachhaltige Fan-Aktionen mitbringt. Doch woran liegt das? – Rosalie
Die Beziehung zwischen Fans und Musiker*innen steht im Zentrum der Überlegungen, wie Artists heute noch Geld verdienen können. Der Fan Pass soll eine neue Möglichkeit darstellen, den guten, alten Fanclub wieder zurückzuholen. Im Grunde ersetzen Instagram und Co. viele Perks, die so einen offiziellen Fanclub früher ausmachten: Behind the Scenes zu Alben, FAQs, Informationen über Releases, Livestreams, direkter Austausch in Kommentarspalten und Foren, Verbindung von Fans. Doch durch die algorithmische Sortierung von Content ist es kaum noch möglich die eigenen Follower*innen zu erreichen. Wahrscheinlich hat der Artist-Newsletter deshalb größere Relevanz gefunden.
Seit 2023 versucht die britische Firma Cirkay ihren Fan Pass zu etablieren, der ebenfalls ein Vorschlag sein soll, um die Artist-Fan-Beziehung neu aufzurollen – beziehungsweise alt, denn an mehreren Stellen proklamieren sie "The old shit is the new shit" und meinen damit: zurück zu Internet-Kommunikationswegen vor Social Media. Die Community soll im Zentrum stehen. Mit dem "old shit" kennt sich Gründer Simon Scott eigenen Angaben zufolge bestens aus. In den 90ern hat der Entrepreneur demnach für große Bands wie Daft Punk, U2 und sogar die Beatles gearbeitet und sich um deren Internetcommunities gekümmert. Er schreibt in einem Artikel: "Für Erfolg muss man sich auf individuelle Fans konzentrieren und nicht auf das Massenpublikum." In einem Newsletter, den der Gründer Scott via The Medium veröffentlicht, vergleicht er Marketingstrategien, die auf die Masse abzielen, mit Methoden, die den "verknüpften Fan", der langfristig bestehen bleibt, ansprechen. Aus allem wird klar: Scott und sein Unternehmen wollen in die langfristigen Beziehungen zwischen Künstler*innen und ihrem Publikum investieren, anstatt weiter auf Trends und virale Hits zu pushen. Hierin sehen sie einen nachhaltigen Weg für Artists, Einkommen zu erlangen. Cirkay schreiben auf ihrem Instagramkanal kurz nach dem Launch: "Ein Fan Pass ist mehr als nur eine Eintrittskarte für exklusive Inhalte. Er ist der Schlüssel zu sicheren, respektvollen und wirklich interaktiven Erlebnissen, von denen sowohl Fans als auch Künstler*innen profitieren." Klingt vielversprechend. Wie funktioniert der Fan Pass und was kann er?
Man registriert sich via Email auf der Website der Künstler*innen. Das kann gratis sein, wie bei The Swell Season. White Lies hingegen verkaufen ihr Fanclub-Angebot. Mit der Registrierung bekommt man den digitalen Fan Pass, der mit einem Ticket vergleichbar ist. Damit gelangt man zu dem exklusiven Content auf der Artistwebsite. Von Videos, Sprachmemos, Blogeinträgen bis zu Gewinnspielen, für die man mit dem Fan Pass direkt registriert wird, gibt es hier alle Möglichkeiten, die so eine Website im Allgemeinen hergibt. Wie kreativ man das auslebt, obliegt den Künstler*innen selbst. Der Fan Pass ist darüber hinaus kompatibel mit verschiedenen Plattformen: Es gibt zum Beispiel direkte Plug-Ins für Shopify, sodass man im Shop automatisch Rabatte, frühen Zugang, exklusive Produkte oder zusätzliche Goodies bekommen kann. Das soll alles einfach und automatisch durch die abgespeicherte Fan Pass-Datei funktionieren. Auch eine Discord-Verknüpfung wird von Cirkay angeboten. Hier kann man innerhalb eines Discords (eine Plattform, wo Künstler*innen beispielsweise verschiedene Foren-Chats erstellen und moderieren können) noch einmal verschlüsselte Bereiche für Fan Pass-Besitzer*innen erstellen, in denen sich die Artists dann zum Beispiel aktiver zeigen als in anderen.
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Die interessanteste Funktion des Fan Passes ist aber die Verknüpfung zur Location der User über deren Handy. Nach der Registrierung kann man den Fan Pass nämlich direkt seinem Telefon Wallet hinzufügen – wie ein herkömmliches Ticket auch – und dadurch ist es möglich, je nach Standort, individuell Nachrichten zu erhalten. Es braucht keine eigene neue App dafür. So gibt es, wenn man sich einer Konzertlocation nähert, Pushmitteilungen, die auch im Real Life Extras für die treuen Fans bereithalten.
Wie soll man den Fan Pass konkret nutzen? In ihren Playbooks spielt Cirkay allerlei Szenarien durch und gibt Vorschläge zur Nutzung an die Hand. Dabei steht natürlich die Wallet-Funktion, die Fan-Interaktionen auch im Real Life ermöglicht, im Mittelpunkt – schließlich ist das das Innovative an ihrem Service. So listet Cirkay folgende Möglichkeiten auf, die Fans mit einzubeziehen:
Eigener Zugang zu Eventbereichen Früherer Einlass bei Konzerten Exklusive Merchandise-Artikel Bonusgeschenke bei Merchkauf Austausch durch Communitykanäle vor und nach den Konzerten (Discord) Zugang zu einer After Party Meet and Greets vor dem Konzert Last-Minute-Akustikkonzerte Lokale Discounts für Partnerschaften wie Plattenläden, Cafés … Stadtspezifische Bonustracks
So… ist beim Lesen hier noch jemand eingeschlafen? Ich erinnere euch nochmal: Der CEO gibt sich als ein Profi für Fanclubs aus, hat den Fanclub von Daft Punk aufgebaut und will Fankultur umdenken.
Was bleibt hier auf der Strecke? Damit bleibt Cirkay beim ziemlich schnöden Fanclub 1x1 und stellt die Präsenz der Künstler*innen zu stark ins Zentrum. Es geht hier viel zu wenig um die Community, um echte Interaktion. Ein großer Teil der hier vorgeschlagenen Nutzungsweise beruht entweder auf Treffen mit den Künstler*innen oder auf zusätzlichem Konsum. Mir fehlt dabei der Tiefgang und die Freude. Wo ist der Raum für Mitgestaltung für Fans? Wo bleibt das gemeinsame Fansein? Wo sind die Möglichkeiten für Spielereien?
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Ein großer Teil des Austauschs neben Meet and Greets bildet die Verknüpfung zu Discord. Das macht insofern Sinn, als das es eine Möglichkeit ist, Fans direkt anzusprechen und sicherzustellen, dass Informationen über Releases, Konzerte und Merch auch wirklich bei allen ankommen. Deshalb ist ein zentrales Element der einzelnen Playbooks: "Hype vor und nach den Events in Communitykanälen [Discord] aufbauen". Genauso passiert das ja aber sowieso auf Discord. Dafür braucht es keinen exklusiven Bereich. Der Fan Pass muss selbst also zum Anreiz werden, dem Discord beizutreten – hier braucht es spannende, konkrete Ideen, die Menschen dazu bringen, sich auf dieses Forum einzulassen.
Auch soziale Netzwerke und Newsletter werden hier nicht wirklich mitgedacht. Denn Rabattcodes, Meet And Greet-Verlosungen, Behind The Scenes, Bilder vom Soundcheck, FAQs und andere hier vorgeschlagene Formate, um 'Hype zu kreieren' sind das tägliche Brot der Socials. Die wenigsten Musiker*innen können es sich leisten, diesen recht einfachen Content während einer Tour ganz und gar exklusiv zu halten und ich glaube – aus Fanperspektive – ist das auch nicht das, was Menschen zu einer Mitgliedschaft bewegt. Wo ist also der Mehrwert, den Cirkay bringt?
Was wollen Fans wirklich?
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Discord ist cool, weil es gut moderierten und trotzdem persönlichen Austausch zwischen Künstler*innen und Fans ermöglicht. Manche Musiker*innen nutzen es weniger als direkten Kommunikationsweg, sondern schon als ein Extra, das man als Patreon- oder Steady-Unterstützer*in bekommt. Aber hier sollte dann auch wirklich etwas passieren – nicht nur eine Vor- und Nachbesprechung der Konzerte. In den Cirkay-Beispielen klang das alles sehr nach One-Way-Kommunikation (Announcements machen) als nach wirklichem Austausch.
King Princess nutzt den Fan Pass zwar nicht, hat aber einen sehr aktiven Discord-Kanal (gratis), wo sie Abstimmungen, Meme-Challenges, Fan-Chats, Ticketverkäufe und Quatsch in einzelne Kanäle geordnet hat. In einem zusätzlichen Chat darf nur sie schreiben und teilt dort oft ihre Demos, oder auch mal angetrunken eine Songidee auf dem Heimweg von einer Party. Mit dem Fan Pass könnte man zum Beispiel auf einem Channel stärker in den direkten Austausch zwischen Künstler*innen und Fans gehen. Warum nicht als Künstler*in das Buch, das man auf Tour liest, wie in einem Buchclub zusammen besprechen? Hier hat man gleich Book Tok-Material, kann Teaser auf den Socials hinterlassen und wenn man als Fan mitlesen möchte: Na, ab in den Channel. Für mich ist jedenfalls klar: Ein Discord muss interaktiv und nahbar sein, mehr als wir es von den Socials aktuell kennen.
Exklusiver Merch bei den Konzerten zieht wahrscheinlich ganz gut, besonders, wenn er cool gemacht ist. Man registriert sich, weil man eben dieses eine besondere T-Shirt haben will. Wie wäre es aber, vorher Fan Pass-Holdern eine Abstimmung zu ermöglichen? Das Ergebnis wird dann natürlich erst auf dem Konzert offenbart, vielleicht trägt ja die Band das ausgewählte Shirt erst bei der Zugabe auf der Show. Wieso der Outfitwechsel? Woher kommen die Shirts? Die Aufregung und Mundpropaganda ist da. Fans, die abstimmen konnten, freuen oder ärgern sich; Fans, die davon nichts wussten, wundern sich, und wollen nächstes Mal dabei sein. Obendrein ist das absolut drinniefreundlich. Dabei wären die Fans viel stärker involviert und direkt emotional an den Merchartikel gebunden.
Abstimmungen in der Location über einen Song in der Setlist. Statt das Spiel live auf der Bühne zu veranstalten und wertvolle Minuten zu vergeuden, könnte man einfach die Abstimmung erwähnen.
Zum Release: Einladung zu Listening Parties verschicken, wo sich nur die Fans untereinander verknüpfen können. Sie könnten bei den Events eine Höraufgabe bekommen, es könnte Feedback-Bögen geben, vielleicht sogar eine simple Bastelaufgabe, eine Foto-Wand muss auch da sein: Zack, tausend gute Social-Media-Möglichkeiten und echter Hype. Große Acts können das natürlich exklusiv vor Release machen und dafür extra Spaces mieten, aber kleine Artists könnten ja auch einfach in einem Café einen Tisch reservieren, wo dann das Album abgespielt wird. Wie wäre eine kollektive Lyrics-Analyse? An der jeweiligen Location könnte man auch via Fan Pass eine kleine Videobotschaft bekommen oder einen Hidden Track.
Auf den Konzerten direkt Rabattcodes zugeschickt zu bekommen ist viel zu einfach. Wieso nicht eine Wo ist Walter?-artige Suchaufgabe? Im Venue sind Post-It-Zettel versteckt. Wer einen findet, bekommt etwas. Oder man verschickt mittels Fan Pass ein Band-spezifisches Rätsel. Die ersten fünf mit dem Lösungswort bekommen am Merch eine signierte Setlist.
Man könnte Zugänge zu geteilten Playlists für einzelne Städte verschicken, wo die Fans dann Songs einreichen könnten. Während das Publikum im Venue auf den Main-Act wartet, wird die Playlist abgespielt. Vielleicht werden sogar die User*innen, die den Song eingereicht haben, kurz mit einem Beamer gezeigt oder die Künstler*innen sprechen kurze Credits ein: "Danke Lynn für deinen Songvorschlag! Den kannte ich noch nicht". Ich sehe und höre es direkt bei einem Dodie-Konzert vor mir und alle applaudieren der Person dann immer anerkennend, ganz egal, ob man den Song mochte oder nicht.
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Das sind sechs schnelle Ideen meinerseits, bei denen es – zumindest in meiner Erwartung – mehr Buzz um den Fanclub geben und mehr interaktive Momente sowohl unter den Fans als auch zwischen Fans und Acts geben würde. Also das, was Cirkay eigenen Aussagen zufolge fokussieren möchte. "Ein Fan-Pass ist mehr als nur eine Eintrittskarte für exklusive Inhalte", lautet das Motto, doch Scott hat sein eigenes Ziel nicht wirklich verstanden.
Und warum das so ist, ist ziemlich klar: Neben den Headlines und Schlagwörtern, die die Gemeinschaft hervorheben, spricht Simon Scott in vielen Texten immer wieder eine ganz andere Sprache. Es klingt weniger nach echter Community und viel mehr nach Entrepreneur-Blabla. Scott sagt zum Beispiel im bereits erwähnten The Medium-Newsletter: "Seit 1994 ermöglicht das Internet direkte Verbindungen zwischen Künstlern und Fans, und heute verfügen wir über leistungsstarke Technologien, um diese Beziehungen zu monetarisieren." Ein reiner Bezahl-Fanclub wie von den White Lies ist die Endstufe dessen. Ich möchte das nicht per se schlecht heißen, sondern finde ähnliche Modelle auf Patreon, Steady und Co. sind ein guter Weg für finanzielle Unterstützung von Künstler*innen.
Allerdings steht und fällt das doch mit dem Angebot, dem tatsächlichen Communitygefühl und der Aufrichtigkeit, mit der diese Fanclubs betrieben werden. Cirkays Playbooks liefern das Schema einer leeren Hülle an Einblicken, die den Fan selbst gar nicht so sehr sehen oder ernst nehmen. Denn an der oft betonten eingeschworenen Fangemeinschaft wird nur gekratzt, um dann schnell Sales-Angebote zu pushen oder uninspirierte Content-Vorschläge hinter eine Paywall zu setzen. Der "nachhaltige Fan" wird von Simon Scott zwar erkannt und in seinem finanziellen Potential analysiert, aber er scheint ihn kein bisschen zu verstehen. "Old Shit is the New Shit" proklamieren Cirkay an mehreren Stellen, und meinen damit: zurück zu Community-geleiteten Internet-Kommunikationswegen vor Social Media, aber so als hätte es Social Media nie gegeben, ohne ehrliche Anreize, ohne Interaktionsmöglichkeiten der Community und vielleicht sogar hinter einer Bezahlfunktion.
Langweilig.
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COMMUNITY AUFGABE Welche Angebote würdet ihr euch von einem Fanklub wünschen? Wofür würde sich so ein Fan Pass für euch lohnen? Welche Goodies vom Artist bräuchte es? Oder welche Möglichkeiten zur Vernetzung mit anderen Fans? Wir sammeln eure Ideen und bringen sie in einer der nächsten Ausgaben.
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Das war's für dieses Mal. Rosie wurde letztens von einer Freundin nach einem italienischen Song für den Sonntagnachmittag gefragt. Daraufhin verbrachte sie drei gebannte Stunde in ihren Playlisten, war nicht ansprechbar, vergaß ihren frischen Kaffee, hörte nicht den an der Tür kratzenden Hund und erstellte eine Exceltabelle, um sich für einen einzelnen Song zu entscheiden. Am Ende schickte sie fünf. Hätte sie mal Melanie gefragt. Die weiß genau, dass der beste italienische Song dieser hier ist.
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Die nächste Ausgabe ZWISCHEN ZWEI UND VIER erscheint am 25. Februar.
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