6. Mai 2026
Ausgabe #118 Alles, was ihr nie über Musik wissen wolltet von Melanie Gollin und Rosalie Ernst. Das hier ist euer Musikmagazin fürs Mailfach, alle 14 Tage zwischen zwei und vier Themen. mehr erfahren
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Heute: Ein Gedicht über Gänse (es geht nicht um Gänse). Und: 5 Seconds of Summer und die Frage, ob man mit 30 zu alt ist, mit Boybands anzufangen.
An dieser Stelle begrüßen wir unsere neuen Unterstützer*innen Andreas, Matze, Andreas, Ina und Tina. Ihr seid es.
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ZWISCHEN ZWEI UND VIER gibt's jetzt auch als Podcast.
In der aktuellen Folge: Haben wir das Bindeglied zwischen Klassik und Schlager gefunden? Kommt mit auf einen irren Kurztrip rund um ein Klavierstück aus dem 19. Jahrhundert. Außerdem beschäftigen wir uns mit dem Phänomen 'Listening Partys'. Immer öfter treffen sich Fans, um ein Album am Stück zu hören. Wir teilen unsere und eure schönsten Erfahrungen und fragen uns, warum diese Events gerade so populär sind.
Überall, wo ihr Podcasts hört.
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Ein Gedicht. Kommt ihr drauf, worum es geht, ohne dass ich es euch vorher verrate? – Melanie
Die Leitgans
Die Gänse ziehen in Formation Sie wissen wohin, sie wissen es schon Denn vorne führen die Leitgänse an Aus eigenen Stücken – dachte man.
Dann plauderte ein Züchter aus: Die sind dressiert, gekauft der Applaus Da guckten die hinteren Gänse schief Da stockte der Flug, und das Staunen verlief.
Das Bild war noch genauso schön: Die gefiederten Fans am Himmel zu sehn! Oder? Sie fühlten sich doch wie betrogen. Die Leitgänse hatten sie angelogen.
Und eine Frage brennt am meisten: Wer kann eine dressierte Leitgans sich leisten?
Na? Natürlich geht es um Geese und die Implosion rund um ihre Marketingkampagne. Vor kurzem kam heraus, dass das, was auf den sozialen Medien wie ein organischer Hype um die New Yorker Band aussah, von einer Agentur künstlich erzeugt wurde. Darauf haben viele Fans sich betrogen gefühlt. Über die Qualität der Musik von Geese sagt das erstmal nichts aus – wohl aber darüber, wer sich heute einen Durchbruch leisten kann.
Unsere Meinung zu Geese hatten wir vor dem "Skandal" in unserer Podcastfolge "Geld oder Geese" dargelegt. Fandet ihr dieses Gedicht clever? Werft was in unsere
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Fans von Boybands sind obsessiv, laut und peinlich, oder? Wir sind mit einem ganz klaren Bild groß geworden, welches das junge, vorwiegend weibliche Publikum von Boybands genauso porträtiert. Bis jetzt war ich nie Teil eines solchen Fandoms. Doch im April besuchte ich als frische, aber passionierte Hörerin die aktuelle Tour der australischen Gruppe 5 Seconds Of Summer und lernte endlich die Realität einer Fankultur kennen, die ich bisher nur aus den Medien kannte. – Rosalie
Manche Sachen gehören zum Jungsein dazu, unter anderem Fan einer Boyband sein. Das ist etwas, das ich allerdings bisher nur aus Reportagen kenne. Montagen von jungen Frauen und Mädchen, die lautstark schreien, die in Ohnmacht fallen, die stolz Fan-Tattoos in die Kamera zeigen und die vor Venues campen, um einen Platz ganz vorne zu ergattern, um dann komplett die Nerven verlieren. Das alles hab ich nie erlebt, weil ich zu snobby für richtige Boybands war und weil ich explizit nicht zu dieser Sorte Fan gehören wollte. Nicht, dass ich weniger obsessiv gewesen wäre oder keine würdelosen Crushes gehabt hätte. Aber wie man an dieser Formulierung ("würdelose Crushes") schon merkt: Fans von Boybands werden nicht für voll genommen und auch eine ernsthafte musikjournalistische Auseinandersetzung mit den Songs von Boybands fand in den Musikmedien der 2000er nicht wirklich statt.
Doch nun, kurz vor meinem dreißigsten Geburtstag, habe ich die jahrelang geschürten Vorbehalte erfolgreich abgebaut, denn ich bin der australischen Band 5 Seconds of Summer komplett verfallen und höre das Album EVERYONE'S A STAR mit großer Regelmäßigkeit. Die Band gibt es schon seit fünfzehn Jahren und alle Mitglieder haben zusätzlich Soloalben herausgebracht. Ihre Bekanntheit stieg, als sie 2013 One Direction auf Tour begleiteten. Ich kann die Stimmen von Luke Hemmings, Ashton Irwin, Calum Hood und Michael Clifford zwar noch nicht so zielsicher auseinanderhalten und habe keinen Liebling unter ihnen, aber ich kann das neue Album (insbesondere "NOT OKAY" und "istillfeelthesame") aus vollem Herzen mitsingen.
So kam es, dass ich am 21. April tatsächlich mein erstes Boybandkonzert in der Berliner Uber Arena erleben sollte. Meine Erwartungen waren – trotz aller reflektierten feministischen Medienkenntnis – ziemlich nah an dem eingangs beschriebenen Bild. Auch Stöbereien in verschiedenen Fanforen trugen dazu bei, dass ich mich mental auf ein großes Kreischkonzert einstellte, bei dem ich mehr von den umstehenden Girls hören würde als von der Band selbst.
Um alle Insidejokes mitzubekommen und das Fandom tatsächlich kennen zu lernen, habe ich Rose mitgenommen. Rose kommt aus Neuseeland, wir kennen uns über ein paar Ecken und Rose ist 5SOS-Fan seit frühen Teenagertagen, kennt alle wichtigen Hintergrundgeschichten, kann die ersten drei Alben auch im Tiefschlaf runterbeten. "5 Seconds Of Summer waren für mich das Fenster in eine neue Welt. Ich habe durch sie mehr Rock gehört, aber sie waren auch mein Weg zu One Direction. Und da war ich dann richtig drin", erklärt mir Rose vor dem Konzert. Allerdings hat Rose die Band dann etwas aus den Augen verloren und die letzten beiden Alben nicht mehr wirklich verfolgt. Vielleicht sind Boybands also tatsächlich ein Ding der Jugend? Ich habe mich vorher im Reddit erkundigt, ob es zu spät ist, mit fast 30 zu diesem Fandom dazuzustoßen. Nicht, weil ich nach Validierung suchte, sondern um das Publikum etwas besser einschätzen zu können. Die Rückmeldungen waren herzlich und ich wurde schnell von vielen Stimmen bestärkt, die Tour zu besuchen. Es gäbe eigentlich keine Codes, ich würde auch als neuer Fan alles verstehen und dass ich so alt sei wie die Band selbst und ein Großteil der Fans. Aus den Kommentaren ging aber auch hervor, dass eigentlich niemand von den Menschen um die 30 im 5SOS-Forum erst beim aktuellen Album hinzugestoßen ist, sondern eigentlich alle die Band schon lange begleiten. Es scheint jedoch weniger Nostalgie dahinter zu stecken, als ein kontinuierliches Wachsen gemeinsam mit der Band. Bei Rose ist es ein Mix aus beidem: "Ich zittere vor Aufregung", sagt Rose, von einem Bein aufs andere wippend, als wir in die Halle kommen. "Ich hätte nicht gedacht, dass es so intensiv sein würde, und es fühlt sich anders an, als bei anderen Konzerten. Ich habe darauf schon so lange gewartet, und obwohl ich ihre Musik mein halbes Leben gehört habe, habe ich sie noch nie live gesehen."
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Wir kommen während des ersten Songs der ersten Vorband (Master Peace) an, der Innenraum ist etwa halb gefüllt. Soweit, so unaufgeregt. Niemand verliert die Nerven, alle tanzen und machen extrem gut mit. Die Halle ist noch ziemlich leer, doch klingt bei den Mitsingparts dieses Supportacts schon ziemlich fulminant. Das Konzert ist nicht komplett ausverkauft, Teile der Ränge sind abgehangen. Die umstehenden Menschen sind vorrangig weiblich, mir fällt auf, dass hier auch viele andere Sprachen gesprochen werden. Ich höre polnisch, italienisch, englisch und vielleicht griechisch. Viele Personen haben passend zum aktuellen Album Outfits voller Sternchen an. Ein Mädchen, das mit Getränken nach vorne läuft, wird immer wieder angehalten und bewundert – sie trägt vier Krawatten, jede ist einem Bandmitglied gewidmet und aufwändig bestickt. Das Publikum ist, das Alter betreffend, ziemlich durchmischt. Rose und ich sind vielleicht minimal über dem Durchschnitt.
Und dann geht es los: Eine Videoübertragung zeigt die vier Jungs in einer Limousine sitzend, wie in dem Musikvideo zu "NOT OKAY". Sie geben einander Zuspruch für die anstehende Show, zählen sich ein, performen die ersten Zeilen aus der Kulisse. In der Bühnenmitte sehen wir die Front einer rosa Limousine, auf deren Dach die Jungs schließlich erscheinen. Es regnet gleich zu Beginn das erste Mal Konfetti und alle rasten aus – ich inklusive. Das Konzert entpuppt sich als eine ausgeklügelte Show durch die gesamte Bandgeschichte von 5 Seconds Of Summer. Die Setlist ist in sechs Akte (+ Zugabe) unterteilt, jeder Akt wird mit teilweise vorproduzierten Videos eingeleitet, teilweise gibt es Liveübertragungen und einstudierte Skits auf der Bühne. Manche der Songs sind eingekürzt, aber thematisch und nach Phasen der Band aufgeteilt. 5 Seconds of Summer porträtieren sich als die größte Boyband der Geschichte, direkt nach den Beatles (werde die Beatles von nun an für immer als Boyband bezeichnen) und erklären mit einem Hang zur Übertreibung die eigene Lore. Die Zeitachse ist dabei ein bisschen wild und nicht ganz linear. Das Konzert startet mit neuen Songs beim "Act I: Der Höhepunkt", erzählt dann vom "Act II: Der Zerfall", wo sie augenscheinlich den Kopf im Ruhm verlieren. Dieser Teil wird von einer kleinen PowerPoint unterbrochen, die zeigt, was die Jungs in Berlin getrieben haben. Darauf folgt "Act III: The Yearning", wo sich die schmalzigen Heartbreaksongs wie "I'm Scared I'll Never Sleep Again" tummeln und schließlich erzählen sie in "Act IV: Die Trennung" von einem fiktiven Bruch der Band, um auch die Soloprojekte einmal unterzubekommen. Vor "Act V: Der Aufstieg" raufen sie sich wieder zusammen, bevor es mit dem finalen "Act VI: Der Anfang" eine Reise zum Beginn der Band gibt und sie sich mit viel Selbstironie für die 2010er daran erinnern, warum sie sich damals als Band zusammengetan haben und was sie ausmachte.
Zwischendrin gibt es noch eine gestagete Preisverleihung, bei der 5SOS als beste Boyband gekürt werden. Hierfür wird in jeder Show ein Fan aus dem VIP-Kreis (dem sogenannten Star-Pit direkt vor der Bühne) auserkoren, der diese Aufgabe übernehmen darf. Online gab es im Vorfeld große Diskussionen darüber, dass Luke Hemmings als einziger die verleihende Person bei manchen Shows nicht umarmt hat. Ich lese auch immer wieder, dass in den vordersten Reihen ein gewisser Fankontakt regelrecht eingefordert wird. Die Kameraschwenks durch die ersten Reihen in Berlin zeigen aber nichts Ungewöhnliches und auch als die Band zur Zugabe mit Sicherheitsteam durch die Halle läuft, funktioniert alles reibungslos. Ich finde sogar, dass sie ziemlich wenig angefasst werden.
Das Konzert war ein ziemlich großes Miteinander und alle – ob jünger oder älter – schienen euphorisch dabei zu sein. Es gab viel Interaktion im Publikum. Rose sang immer wieder laut zu mir, riss mich in ihrer Begeisterung mit, sodass ich mich zugehörig fühlte, obwohl ich mit den älteren Liedern nicht viel anfangen konnte. Auch um uns herum gab es schöne gemeinschaftliche Momente. Ein Mädchen, das bei einem Intro rief, dass es ihr Lieblingssong sei, wurde zum Beispiel einfach vorgelassen. Der theatrale Überbau riss mich in die Tiefen dieser Band, zeigte mir den Humor, die verschiedenen Charaktere, die sich die vier zugeschrieben haben, und es fühlte sich an, als würden sie mit der "Everyone's a Star"-Tour explizit neue Fans in ihrem Universum willkommen heißen. Ich habe sowas noch nie erlebt. Ein Konzert mit derart vielen Showelementen, ein Konzert mit einer kompletten Dramaturgie, mit verschiedenen Aufgängen, Übergängen, mit Hebebühnen. Ich habe ausgeklügelte, durchgeplante Shows erlebt, aber noch nie sowas. Auch Rose ist komplett überrascht. Beim Rausgehen laufen wir noch an beiden Vorbands vorbei. Sie stehen einfach so in der Vorhalle, es gibt eine Schlange, um Fotos zu machen, und auch hier wird nicht geschrien.
Auf meinem Heimweg denke ich darüber nach, wie sehr ich mich darauf eingestellt habe, mich an diesem Abend unwohl zu fühlen oder zumindest nicht als richtiger Teil des Ganzen. Das Gegenteil war der Fall. Nicht nur durch die Art und Weise, wie diese Show konstruiert war, sondern auch durch die Stimmung im Zuschauerraum, die nichts mit den Prognosen von Reddit zu tun hatte. Rose erlebte an diesem Abend neben mir einen Full-Circle-Moment und ließ mich ganz und gar teilhaben. "Ich hab mich gefühlt, als wäre ich wieder 13 Jahre alt. [...] Als sie zum ersten Mal auf die Bühne kamen, dachte ich: Die gibt es wirklich! Die sind nicht nur in meinem Kopf." Ich habe auf dem 5SOS-Konzert einen sehr gemäßigten, respektvollen, aber nichtsdestotrotz euphorischen und vollherzigen Abend erlebt, der nichts mit dem Bild der 2010er Fankultur zu tun hatte. Ich muss an das Video denken, mit dem sich Harry Styles im Dezember zurück meldete. In den Aufnahmen zu "Forever, Forever" wird das Fandom dieses Ex-Boyband-Stars ganz anders gezeichnet als wir es gewohnt sind. Ruhig, unaufgeregt. Man sieht, wie sich Freundschaften in den Schlangen bilden, wie Mädchen miteinander singen, einander die Haare flechten, tanzen, spielen, feiern. Es sind Bilder, die viel eher mit dem Erlebten meines Abends übereinstimmen und die eine Fangemeinschaft abbilden, in denen ich und jede andere Person mit Leichtigkeit einen Platz finden kann.
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Das war's für heute. Melanie hat herausgefunden, dass immer noch The Dome-Compilations hergestellt werden und jetzt hat sie Fragen (obwohl sie eher ein BRAVO-HITS-Girl war). Rosies Lieblingscompilation-CD war N°2 der Reihe "Schön entspannt" von der Brigitte. Das war ruhige Klaviermusik und ihr Versuch, mit elf Jahren besser einschlafen zu können. Bei Amazon gibts die CD jetzt für 59€ – ein wahrer Schatz.
Nächsten Mittwoch hören wir uns im Podcast. Die nächste Mail-Ausgabe ZWISCHEN ZWEI UND VIER kommt am 20. Mai. Hast du dich gut unterhalten gefühlt, was gelernt oder neue Musik entdeckt? Schmeiß was in unsere Paypal-Kaffeekasse oder:
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