Ihn wieder auf einer Bühne zu sehen, fühlt sich an wie der Heimkehr eines verlorenen Sohnes beizuwohnen: Moneybrother hat nach zwölf Jahren Abstinenz Anfang September Konzerte in Deutschland gespielt. Warum der Schwede uns so lange hat warten lassen, sollte er mir mal schön ins Gesicht sagen. – Melanie
Mitter der 2000er war Indie-Rock das vorherrschende Genre und Schweden hatte die heißesten Bands was das anging. Ja, es gab so Nebencharaktere wie The Strokes oder Franz Ferdinand, aber irgendwie waren die Skandinavier schicker. Mando Diao, The Hives, The Sounds. Und Moneybrother, der rausfiel, weil er Soul und Punk mischte. Durch glückliche Zufälle, wie sie nur zu dieser Zeit passieren konnten, wurde Anders Wendin Publikumsliebling. In einer bestimmten Bubble zu einer bestimmten Zeit war Moneybrother ein Riesending. Bis er nach seinem fünften Album 2013 nur noch in seinem Heimatland Musik machte. Die Ankündigung einer Deutschlandtour kam Anfang 2025 daher mehr als überraschend.
Als wir uns vor seiner Berlin-Show im Garten vom Lido zusammensetzen, krieg ich gerade ein "I cannot believe you're actually here!" raus, da sprudelt es schon aus ihm heraus. Anscheinend hat Anders uns genauso vermisst wie wir ihn.
Anders Wendin: … oder? Als wir die Tour angekündigt haben, wussten wir nicht, ob jemand kommen will. Ich bin so glücklich über das Feedback. Es ist zwölf Jahre her und wir haben hier gar nichts gemacht, keine Single, kein Interview. Und trotzdem sind Leute da. Heute Abend ist ausverkauft.
Ich lieb's, dass du einfach direkt Fragen beantwortest, die ich haben könnte. Ich wollte dir erstmal erzählen, dass ich zwar äußerst professionelle Musikjournalistin bin, aber manche Interviews mir dann doch mehr bedeuten als andere. In den letzen 5-10 Jahren gab es exakt eine Tourankündigung wegen der ich geweint habe und diesen Fakt lass ich jetzt mal hier so liegen.
Anders Wendin: Oh my god. [guckt wie ein Kätzchen und bietet mir Fist Bump an]
Es gibt Bands, die lösen sich irgendwann auf und man freut sich, dass man eine gute Zeit mit ihnen hatte, aber es ist auch ok, dass sie nicht mehr da sind. Bei dir lag ich tatsächlich in den letzten Jahren regelmäßig wach und hab mich aktiv gefragt, ob ich je wieder eine Moneybrother-Show sehen werde. Ich hab ja gesehen, dass du in Schweden weiter Musik gemacht hast und dachte: Naja, er hat uns abgehakt.
Ich hab euch nie vergessen! Mein ältester Sohn ist jetzt 12, als er zwei war, hab ich mich von seiner Mutter getrennt und er war jede zweite Woche bei mir. Da war es unmöglich, auf Tour zu gehen. Die Anreise dauert einen Tag und dann hätte ich vielleicht vier Auftritte machen können. Aber das wäre finanziell unmöglich gewesen. Die ersten 4-5 Shows einer Tour zahlen gerade mal den Bus, danach macht man erst Geld. Es ging also einfach logistisch nicht. Und dann hab ich an einer schwedischen Fernsehshow teilgenommen [Så Mycket Bedre, die schwedische Version von Sing Meinen Song] – in den frühen 00er Jahren war ich ein Riesending in Schweden, dann nicht mehr, dann kam diese Show, dann war ich wieder sehr bekannt und hab ein paar Alben auf Schwedisch rausgebracht. Ich war also ziemlich beschäftigt. Direkt nach der Pandemie hab ich meinen Agenten angerufen und gefragt: Sollen wir nicht was in Deutschland machen? Aber er meinte, dass gerade alle spielen wollen, und freie Termine in den Venues zu bekommen, war schwierig. Also haben wir gewartet. Zu lange, finde ich.
Es muss doch aber auch scary sein, jetzt wieder herzukommen: Wir haben deine letzten zehn Jahre nicht mitbekommen und erinnern uns deswegen an eine Version von dir, die es so nicht mehr gibt, mit der du heute Abend aber konkurrieren musst. Du musst dich heute mit unserer Nostalgie messen.
Das stimmt… Ich bin dieses Jahr 50 geworden, bei den letzten Konzerten in Deutschland war ich also nicht mal 40. Aber jemand, der 1972 mal AC/DC gesehen hat, guckt sich die heute aus Nostalgiegründen an und sieht in ihnen das Gleiche wie früher. Die Basis, das was er damals gesehen hat, ist immer noch da. Ich hab mich als Künstler verändert, mich weiterentwickelt, aber der Kern ist der gleiche. Und – das ist meine persönliche Sicht – als wir damals durch Deutschland getourt sind, ist mir nie eine andere Band begegnet, die wie wir klangen. Deswegen hatten wir auch so ein hingebungsvolles Publikum. Wer etwas wie uns gesucht hat, hat das nur schwer woanders gefunden.
Das erste, was wir damals hier gemacht haben, war die Tour mit den Beatsteaks. Und Charlotte Roche und Sarah Kuttner haben dafür gesorgt, dass alle mein Gesicht kannten. Sarah hat immer über mich geredet, als wären wir beste Freunde, deswegen dachten alle anderen auch, sie wären meine Freunde. Sie hat mir sehr geholfen.
Absolut, ich würde dich ohne Sarah nicht kennen.
Sie war die Beste. Sie hatte ein riesiges weibliches Publikum und hat die wie ihre Schwestern behandelt. Die waren eine Crew. Und das andere Ding: Arnim [Teutoburg-Weiß, of Beatsteaks fame] ist an einem Abend der Tour krank geworden, das hieß auch für uns, dass wir nicht auftreten konnten. Ich musste aber trotzdem die Band bezahlen. Also hab ich meinen Agenten angerufen: "Kannst du uns irgendeinen Gig besorgen?" Das muss so 2004 gewesen sein. Er hat uns was in einer Disko in Köln organisiert, bevor die Disko da losging. Wir haben ein eher langsames Soul-Set gespielt. Es waren vielleicht drei Leute da. Aber eine davon war Charlotte Roche, sie hat drei T-Shirts gekauft. Eins davon hat sie am Tag danach bei irgendeiner Awardshow getragen – und auf einmal kannten uns die Leute. So random.
Ich glaub, sowas könnte heute gar nicht mehr passieren.
Ja, da hat sich viel geändert. Damals war Sarah Kuttner DIE Person, die auf MTV mit dem Publikum geredet hat. Heute gibt es viele kleine Sarah Kuttners. Und Musik ist anders. Ich bin old school, ich release Alben, wir spielen alle unsere alten Instrumente. Wenn wir jetzt auf einem Festival spielen, sind wir aber manchmal die einzigen, die ein Schlagzeug dabei haben.
Es ist für Newcomer finanziell unmöglich, eine Band zu haben.
Ja! Wenn wir nach diesen 8-9 Tagen Tour nach Hause kommen, hab ich wahrscheinlich auch Minus gemacht. Vielleicht gleicht der Merch das aus. Aber wenn wir wieder öfter hier spielen, kommen vielleicht mehr Leute. Was ihr hier aber verstehen müsst: Eine Stadt wie Dresden wäre in Schweden die zweitgrößte Stadt. Schweden ist klein. Und wenn man da 30 Jahre tourt und schon wieder in Arvika reinfährt, dann ist es ein irres Gefühl, nach Berlin zu kommen und eine ausverkaufte Show zu spielen. Die Band ist ekstatisch! Gestern Abend in Dresden war so gut, wir sind wieder eine richtige Rockband. In Schweden spielen wir eher so in Theatern, mit Sitzpublikum.
Die Tour ist als 20-jähriges Jubiläum zu deinem zweiten Album TO DIE ALONE gebrandet. Ich hab aber gerade schon in den Saal geguckt und hinter der Bühne hängt ein Backdrop mit dem Cover von BLOOD PANIC, dem ersten Album…
Wir haben alle Backdrops von damals aufgehoben, die waren ja teuer! Die lagen jetzt einfach 20 Jahre in Stockholm. Und als wir losfahren wollten, haben wir den Backdrop für TO DIE ALONE nicht gefunden! [lacht] Abgesehen davon: Der BLOOD-PANIC-Backdrop ist klein, perfekt für Venues wie dieses. Der TO-DIE-ALONE-Backdrop ist viel größer, weil wir zu dem Zeitpunkt schon größere Hallen gespielt haben, den hätten wir hier also gar nicht nutzen können. Und der Backdrop von MOUNT PLEASURE, dem dritten Album, ist so groß wie ein Haus. Den konnten wir nur auf der Tour zum Album nutzen, da hatten wir unseren Höhepunkt, erfolgsmäßig. Das gleiche mit den Gitarrenkabeln: für die MOUNT-PLEASURE-Tour hatte ich lange Kabel, damit ich über die Bühne rennen konnte. Die brauch ich jetzt nicht mehr, auf der Bühne heute kann ich mich kaum bewegen.
War es easy, die Songs von TO DIE ALONE und BLOOD PANIC wieder anzugehen? Findest du die noch gut oder ist manches heute cringe für dich?
Cringe nicht, aber mir ist bei den ersten beiden Alben etwas aufgefallen: Das Songwriting finde ich immer noch gut, aber es sind viele Songs über Liebe und Heartbreak und ich bezweifle, dass ich damals schon irgendwas über Liebe und Heartbreak wusste. Ich glaube, ich dachte, dass ich wüsste, wie es ist, wenn mir das Herz zerschmettert wird, aber naja… Da gibt es einen Song, wo ich singe: "Everyday that I work, baby that's for you and I / All the work I put in, baby that's for you and I" ["What's The Use In Trying"]. Ich hatte da noch nie einen Job gehabt! Und wenn ich mich jetzt an die Frau erinnere, mit der ich zu diesem Zeitpunkt zusammen war… aus heutiger Sicht war sie keine wichtige Figur in meinem Leben.
Und man hört, dass da ein Punkrocktyp versucht wie ein Soulsänger zu singen – und scheitert. Ich finde, ich singe heute besser, aber manchmal ist es interessanter, das Scheitern zu hören. Man hört, dass dieser Typ das so sehr will.
Man kann halt nur so richtig pathetisch sein, wenn man jung ist. Danach hat man zu viele Gedanken.
So ist es. Selbst heute Abend werde ich auf der Bühne stehen und ich will den Moment genießen. Aber ich weiß, dass ich abschweifen und mich fragen werde, ob ich die Leute vor der Bühne schon mal gesehen hab. Ich vermisse den Fokus von früher. Da war Musik das Wichtigste in meinem Leben. Wenn man Kinder hat, dann ist das natürlich anders.
Aber nochmal zu den Alben: Ich war jung, aber ich war jetzt auch nicht 19. Ich war so 26, 27, als das erste Album rauskam. Da ist man ein erwachsener Mann. Ich komm aus einer kleinen Stadt, die meisten haben in dem Alter schon Kinder gehabt. Ich war einfach ein bisschen mehr pathetic als die anderen Männer in meinem Alter.
Soviel zur Vergangenheit, was ist mit der Zukunft. Neues Album, erzähl.
Das kommt im Oktober! Wir nennen es CLASSIC VINTAGE. Es ist old school, fast ein Konzeptalbum. Moneybrother war schon immer retro, aber diesmal ziehen wir das komplett durch. Ich bin kein umwerfender Musiker, ich kenn sechs Akkorde…
Die Ramones kannten drei, das hat sie auch nicht aufgehalten.
Aber die Ramones wollten nie was anderes machen oder sich weiterentwickeln. Nach 25 Jahren, in denen ich überlegt hab, wie ich aus diesen sechs Akkorden was Neues mache, ist meine Vorgehensweise jetzt: Wie lass ich diese sechs Akkorde alt klingen? Das Album ist also sehr traditionell. [stutz, von der Bühne kommt Musik] Oh, die Band probt tatsächlich! Das ist sehr nett von ihnen, normalerweise arbeitet niemand, wenn ich nicht im Raum bin. Es scheint ihnen ernst zu sein mit der Show heute Abend!
Also neues Album und dann wird weiter getourt.
Wir werden sehen. Vielleicht kann ich es mir nicht leisten, die ganze Band mitzubringen, dann gibt's ein kleineres Set Up. Ich warte auf jeden Fall nicht nochmal zwölf Jahre. Aber es ist auch erst der zweite Tag auf Tour, und ich liebe es jetzt. Frag mich nochmal in einer Woche, vielleicht bin ich dann komplett ko.
Man will immer Songs schreiben, an die sich Menschen erinnern. Und jetzt grade teilen so viele Menschen ihre Stories mit mir. Sie erzählen mir von ihren Familien, oder von Freunden, die gestorben sind. In 20 Jahren kann viel passieren. In Schweden gibt es diese Begegnungen mit Fans natürlich auch, aber hier ist das nochmal was anderes.
Gibt es jemanden, der diese Art von Nostalgie oder Euphorie bei dir auslöst?
Ich hör viel Musik, aber es ist schwierig, eine neue Lieblingsband zu finden. Die Musiker, die mir am meisten bedeuten, sind größtenteils tot. Die, die noch leben, sind zu alt, um noch gut zu sein [lacht]. Aber Tom Waits würde ich gern live sehen. Der scheint auch noch gut drauf zu sein. Die Musik ist vielleicht fast besser, wenn er sie jetzt mit 70 singt.