22. April 2026
Ausgabe #117 Alles, was ihr nie über Musik wissen wolltet von Melanie Gollin und Rosalie Ernst. Das hier ist euer Musikmagazin fürs Mailfach, alle 14 Tage zwischen zwei und vier Themen. mehr erfahren
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Heute: Zunächst ein paar gesammelte Fun Facts und Follow Ups. Gefolgt von einem wissenschaftlichen Diagramm zum Wachstumsschmerz auf Snail Mails neuem Album RICCOCHET. Und dann: Wir würden gern über ein bestimmtes Thema schreiben, dafür haben wir aber nicht genug Geld – ein frustrierter Kommentar.
An dieser Stelle begrüßen wir unsere neuen Unterstützer*innen Alexandra, Jörg und Christoph. Ihr helft uns beim Auftauchen.
Kommt auch ihr in unsere Community! Macht unsere Arbeit langfristig möglich, sichert Medienvielfalt und helft uns dabei, der Musikbranche ans Bein zu pinkeln!
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ZWISCHEN ZWEI UND VIER gibt's jetzt auch als Podcast.
In der aktuellen Folge: Der Ross-Anthony-Fauxpas, ein Musikquiz und exklusive Einblicke in Rosies Tagebuch zum Thema "Neue Musik hören ist schwerer als bekannte Musik hören".
Überall, wo ihr Podcasts hört.
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Follow Ups und Kuriositäten aus den letzten Tagen. – Melanie
Was verdienen Menschen in der Musikindustrie? In unserem Podcast haben wir euch in der Folge 'Geld oder Geese' über den Equal Pay Day der Musikindustrie informiert. Dabei ging es darum, dass FLINTA* in unserer Branche 25% weniger verdienen als Männer. Als Idee hatten wir offizielle Gagen- und Honorarempfehlungen gefordert – die gibt es bereits!
Klickt euch durch, auch wenn ihr nicht Musiker*innen seid. Auch für Musikfans ist es sicher interessant, wie viel die Leute auf, vor und hinter der Bühne verdienen (bzw. verdienen sollten, es handelt sich hier ja leider nur um Empfehlungen).
Empfehlungen für Honoraruntergrenzen vom Deutschen Musikrat
Der Deutsche Musikrat beschäftigt sich mit E-Musik (Alte Musik, Neue Musik, Jazz, populäre Musik, Kirchenmusik, transtraditionelle und transkulturelle Musik) und hat für diesen Bereich Empfehlungen ausgesprochen. "Seit dem 1. Juli 2024 gilt für kulturelle Projekte und Einrichtungen, die zu mindestens 50 Prozent durch den Bund gefördert werden, eine verbindliche Verpflichtung zur Einhaltung von Mindestvergütungsstandards für Tätigkeiten auf Honorarbasis. Der Deutsche Musikrat empfiehlt nun als Honoraruntergrenze für einen Tagessatz für selbstständige Musiker*innen 300 Euro für die Jahre 2025/26". Ich glaub, da haben einige, die hier mitlesen, schon Tränen in den Augen… "Zugleich macht er deutlich: Die eigentlich auskömmliche Untergrenze, um ein angemessenes Einkommen zu ermöglichen, wäre ein Tagessatz von 622 Euro." Die Pressemittelung dazu ist lesenswert, denn sie appelliert auch, dass mit der aktuellen Kulturförderung quasi niemals an angemessene Einkommen ranzukommen ist.
Habt ihr schon an unserer äußerst wichtigen Räuber Hotzenplotz-Umfrage teilgenommen?
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Santiano, der Wal und der Glauben an die Menschheit Das ganze Brimborium rund um den Wal (DER Wal), seine Vereinnahmung für rechte Narrative und die dazugehörigen KI-Songs, drösel ich an dieser Stelle mal nicht auf (wer Lust hat / Reddit / Walo-Mat). Niemand hat mich gedrängt, mich dazu zu verhalten. Anders scheint es den kernigen Freibeutern von Santiano ergangen zu sein. In einem Statement schreiben sie, dass Fans von ihnen verlangt hätten, sich endlich zum Fall zu äußern. Santiano sind so eine Band aus echten Männern© für echte Männer©, mit denen ich wenig Berührung hab, die mir aber durch das Narrativ (frei durch die Gegend segeln), ihre CI (arrrrr) und ihren Sound (Mittelalterfest) immer eher konservativ vorkommen. Ausgerechnet die gehen differenziert an die Sache ran und wagen einen Kommentar auf den Diskurs, statt sich nun auf eine Seite der Wal-Debatte zu schlagen?
"Hier geht es schon lange nicht mehr um den Wal. Es geht um uns Menschen und wie wir in der Welt stehen. An wie vielen Tiertransporten fahren wir täglich vorbei? Wieviel Steaks, Schnitzel und Würste werden demnächst wieder in den Gärten auf dem Grills der deutschen Männerkochkunst verbrannt? Wieviel Fischbrötchen knallt sich wer in diesem Sommer beim Spaziergang um den Hafen bedenkenlos in die Figur? Da fängt Tierschutz an! Dieses Verhalten infrage zu stellen und vielleicht mal etwas weniger über Vegetarier und Veganer lästern und lachen, sind immer noch geeignetere Maßnahmen, statt sich als Möchtegernfreiheitskämpfer*in, moralinsauer in den nächsten medialen Supergau zu stürzen. Während der blutige Grind auf den Faröern lediglich eine kleine mediale Randbemerkung darstellt. Wo uns die täglichen Toten im Mittelmeer egal sind und wir uns im Regal der Unerträglichkeiten nur noch das raussuchen, was gut in unser Empörungseinerlei hineinpasst." (Schreibfehler aus Originalpost übernommen)
Ja, ich bin mittlerweile anscheinend mit dem Bare Minimum zufrieden, zumal wenn das von einer Band dieser Art kommt. Inwiefern Santiano leben, was sie hier schreiben, kann ich nicht beurteilen. Dass sie klar benennen, dass wir alle jeden Tag viel schlimmere Sachen machen, als einen einzigen Wal sterben zu lassen (was natürlich trotzdem tragisch ist, don't get me wrong), hat mir aber gut gefallen. Den Leuten in den Kommentaren erwartungsgemäß eher nicht so.
Coca-Cola-Boykott der Spielstätten "Eine Cola soll es sein", singen Die Liga der Gewöhnlichen Gentlemen. Die Columbiahalle sagt: Aber nicht mehr von der Coca Cola Company. Seit kurzem gibt es in der Berliner Columbiahalle und dem Columbiatheater keine Getränke der US-Marke mehr. Stattdessen werden lokale Alternativen ausgeschenkt. Grund: Die Betreiber hinter der Konzerthalle wollen ökonomischen Druck auf die Coca Cola Company ausüben, damit diese wiederum ihren Lobbyeinfluss auf die US-Politik wahrnimmt und ihren Teil tut, den ganzen Wahnsinn zu beenden. Sie fordern andere Venues auf, mitzumachen. Statement und FAQs hier. Gute Sache. Wermutstropfen: "Sobald wieder eine menschliche, demokratieorientierte Regierung an der Macht ist, kehren die bekannten US- Marken zurück." Coca Cola ist einer der größten Firmen der Welt mit massiver Umweltverschmutzungshistorie. Schon klar, ohne Versprechen zur Rückkehr funktioniert die Hebelwirkung nicht. Eine Hinwendung zu lokalen Brausen oder kleinen Brauereien wäre langfristig trotzdem begrüßenswert.
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Snail Mail hat ein neues Album gemacht. RICCOCHET ist Auseinanderwachsen auf Albumlänge. Es beschreibt, wie der jugendliche Elan verfliegt und man seine einst liebsten Menschen aus den Augen verliert. Das ist mal herzzerreißend schwer und mal bedeutet es, dass man einfach weiß, wer man ist, und zu sich steht. Ich bewerte jeden Song von 0 (schmerzvoll) bis 5 (selbstsicher und glücklich). – Rosalie
In unserer Podcastfolge "Der Ross-Anthony-Faux-Pas" habe ich mit euch meine riesengroße Liebe für Snail Mail geteilt. In Antizipation des neuen Albums habe ich nämlich nochmal die Diskografie angespielt und bin unfassbar auf Snail Mails Debütalbum LUSH hängengeblieben. Dieses Album hat meine ersten Uni-Jahre unermüdlich begleitet. Die Welt fühlte sich kaputt, aber bezwingbar an, meine Freundschaften waren für die Ewigkeit und die Stadt war mein Zuhause. Das neue Album erinnert nun daran, aber es klingt nicht nostalgisch, denn Snail Mail besingt in vielen Songs, was sich alles verändert hat. RICCOCHET spricht davon, Dinge hinter sich zu lassen. Im Podcast erkläre ich, wie sehr ich gestruggelt habe, von LUSH (und dem Komfort, der damit zusammenhängt) loszukommen und mich auf etwas anderes einzulassen, und damit habe ich genau durchlebt, worüber RICCOCHET spricht – SO META! Jetzt, einige Wochen nach Release, schaue ich nochmal analytischer auf die neuen Songs. Wann tut die Veränderung weh, und wann ist sie gut und wichtig und macht stärker? Eine knifflige Bewertung, denn manchmal kann beides auch gleichzeitig der Fall sein. Aber Snail Mail lässt oft genug die Melodien, Harmonien und Gitarren sprechen, die uns schon deutlich sagen, was sie fühlt, wenn sie an ihre Jugendfreund*innen oder Verflossenen denkt.
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An dieser Stelle müsste ein anderer Text stehen. Aber das können wir uns nicht leisten. Über die Frustration, kein Licht ins Dunkel bringen zu können. – Melanie
Wer ZWISCHEN ZWEI UND VIER schon eine Weile liest, weiß: Es ist unser Anspruch, die Musikbranche für Artists und Fans besser zu machen. 'Besser' heißt auch 'sicherer'. Doch genau daran scheitern wir regelmäßig. Denn einige sehr beunruhigende Dinge, die uns unter der Hand berichtet werden und denen wir nachgehen wollen, können wir nicht öffentlich thematisieren. Als Presse sind wir strengen Regeln unterworfen, ab wann und unter welchen Umständen wir über Verdächtigungen berichten dürfen. Und Täter sind klagefreudig, oft finanziell gut aufgestellt und die Rechtslage in Deutschland ist auch nur bedingt auf unserer Seite.
Ihr habt alle den Fall Collien Fernandes mitbekommen. Ihr wisst trotz Verfügungen und Abmahnung genug, um nie wieder die Nähe von Rammstein zu suchen. Es ist notwendig und richtig, dass wir davon erfahren haben. Das ging aber nur, weil die Medien, die darüber berichteten, Ressourcen haben, die Recherchen sowie die Vor- und Nacharbeit durchzuführen. Weil sie anwaltliche Betreuung und das Geld haben, den Rechtsstreit, der auf diese Recherchen folgt, auch auszutragen.
Vorfälle dieser Art gibt es allerdings auch in unseren Indie-Kreisen. Eine solche Geschichte zu breaken geht nur mit genügend Geld und einem entsprechenden Netzwerk, um Klagen überleben zu können. Wenn man sich anschaut, wer zuletzt über Fälle dieser Art geschrieben hat und sie in die mediale Öffentlichkeit brachte, sieht es so aus, als könnten sich das nur noch die großen Medien erlauben: Der Springer Verlag, Der Spiegel, die Süddeutsche – Verlagshäuser, die eben eine Rechtsabteilung noch bezahlen können. Die Kosten für die Recherchen am Fernandes-Fall werden auf 100.000 Euro geschätzt. Darin noch nicht enthalten: Anwaltskosten für alles, was danach kommt. Ob es weitere solcher Artikel gibt, hängt dann davon ab, wie viele Klicks und Abos das Thema generiert.
Deswegen sind deutsche Indie-Artists für die großen Medien als Thema zu nischig. Und wir können es uns schlicht nicht leisten. Das ist unfassbar frustrierend – sicher nicht nur für uns, sondern für viele andere Medien auch. Aktuell gibt es einen Fall, der seit Monaten durch die Hinterzimmer geistert, über den wir nur hinter vorgehaltener Hand sprechen können. Er ist besonders bitter, denn viele von uns haben vielleicht selbst die T-Shirts im Kleiderschrank, waren vielleicht selbst auf den Konzerten, feierten das Auftreten und die Ansagen.
Es fühlt sich pathetisch an, hier jetzt das große Fass auf zu machen: Wer Geld hat, kann machen, was er will (lasst uns da mal nicht gendern, wa?), so hält sich das Patriarchat aufrecht. Aber am Ende kommen wir immer an dieser Erkenntnis raus. Uns bleiben vorerst nur Flüsternetzwerke.
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PS: Sollte jemand von euch sich bereiterklären, die Anwaltskosten zu tragen oder uns kostenlose rechtliche Beratung zur Verfügung zu stellen: Meldet euch.
PPS: Danke an Daniel Koch und Aida Baghernejad für den Impuls zum Kommentar und das gemeinsame Abfrusten.
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Das war's für heute. Melanie und Rosalie haben sich in Köln die Zukunft vorhersagen lassen – mit CDs und Glockenspiel. Das CD-Orakel hat beschieden, dass Spaß ausgekostet werden muss (Melanie); das Glockenspiel war verstimmt, woraus die Wahrsagerin schloss, dass Rosie ein kreativer, aber gerade etwas überforderter Mensch ist. Aus den Tarotkarten haben beide im Anschluss erfahren, dass schon bald mit einer großen Erschütterung zu rechnen ist. Kurz danach hat DJ Ötzi eine Insta-Story von der ZWISCHEN ZWEI UND VIER-Liveshow repostet.
Nächsten Mittwoch hören wir uns im Podcast. Die nächste Mail-Ausgabe ZWISCHEN ZWEI UND VIER kommt am 6. Mai. Hast du dich gut unterhalten gefühlt, was gelernt oder neue Musik entdeckt? Schmeiß was in unsere Paypal-Kaffeekasse oder:
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